1915-03-18-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/168
Botschaftsjournal: A53a/1915/1833
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J. No. 250
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Konsul in Adana (Büge) an den Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim)

Bericht



J. No. 250
Adana, den 18. März 1915

1 Anlage

Euerer Exzellenz beehre ich mich im Anschluss an mein Telegramm vom 15. d.Mts. in der Anlage einen Bericht über die Vorgänge in Zeitun gehorsamst zu überreichen.

Ich darf gehorsamst wiederholen, dass für die Möglichkeit eines Aufstandes der Armenier alle Vorbedingungen fehlen. Was als Feindseligkeit gegenüber der türkischen Regierung auf armenischer Seite sich äussert, ist wohl im Grunde nicht mehr als Auspuff einer verbitterten Stimmung, dass augenblicklich und möglicherweise für die Zukunft eine Intervention christlicher Mächte zu Gunsten der Armenier ausgeschaltet ist.

Zeitun ist im Jahre 1896, gelegentlich der ersten offiziellen Armeniermassaker, in gewissem Sinne berühmt geworden, insofern es der dortigen Bevölkerung gelungen war, die zu ihrer Vernichtung abgesandten Truppen sammt deren Befehlshaber gefangen zu nehmen.


Büge


Anlage

Bericht über die Vorgänge in Zeitun.

Adana, den 16. März 1915.

Die ausschließlich von Armeniern bewohnte und an dem oberen Seihun gelegene Ortschaft Zeitun gehört administrativ zu dem Vilajet Aleppo. Die hohe und namentlich im Winter schwer zugängliche gebirgige Lage derselben erschwert die Arbeit der türkischen Behörden. Die Bewohner der Stadt und der umgebenden etwa dreißig Dörfer, von denen die Hälfte armenisch ist, leben von Agrikultur und Viehzucht. Viele von ihnen sind Maultiertreiber, die den schweren Verkehr im gebirgigen Teil der umgebenden Vilajets besorgen. Einige von der armenischen Gemeinde erhaltene ärmliche Elementarschulen können für die geistige und kulturelle Hebung des Volkes nichts leisten, so daß das in Unwissenheit und in geistigem Rückstand befindliche Volk von der anderen Welt fast abgeschlossen dahinlebt.

Die Regierungsmaßregeln zur Erhebung der Steuern und Rekrutierung der Militärpflichtigen finden hartnäckigen Widerstand seitens der Einheimischen, die alles aufbieten, um ihren Pflichten zu entgehen. Namentlich kommt ihnen der Militärdienst zu schwer vor, so daß die Desertion eine gewöhnliche Erscheinung ist. Die Deserteure flüchten sich ins Gebirge und leben vom Überfall auf die Reisenden und Karawanen. Sie verüben ihre räuberischen Taten ohne Unterschied der Nationalität und Religion des Überfallenen. Die Bemühungen der Regierung, sie festzunehmen, sind meistens erfolglos, weil die Festnahme derselben zur Bildung neuer rachsüchtiger Deserteure und Räuberbanden führen würde.

Vor etwa sechs Monaten, während der Mobilmachung des Landes, haben die Bewohner der Ortschaft Zeitun der Aufforderung der Regierung, sich zu stellen, wieder keine Folge geleistet, so daß diese sich gezwungen sah, harte Maßregeln zu treffen. Mehrere Personen wurden nach Aleppo, dem Zentrum des Vilajets, geführt und dort in Haft genommen.

Aus diesem Anlaß fuhr auch der armenische Katholikos nach Aleppo, um bei der Regierung für die darunter befindlichen Unschuldigen zu wirken. Die Regierung behandelte die Gefangenen so hart, daß einer von ihnen unter den Knutenhieben den Tod fand.

Die Bewohner von Zeitun ließen sich dennoch nicht einschüchtern und blieben nach wie vor dem militärischen Dienst fern. Vor einigen Tagen haben sie sogar auf den dortigen Militär-Kommandanten einige Schüsse abgefeuert ohne die ernste Absicht, ihn zu töten. Man sagt, daß sie nur den Zweck verfolgten, ihn einzuschüchtern. In diesen letzten Tagen hat man in Zeitun einen Gendarmen getötet. Aus welchem Anlasse und von wem diese Tat verübt wurde, ist wegen des mangelhaften Verkehrs zur Zeit nicht genau festzustellen. Man kann aber sicher annehmen, daß wieder die Rekrutierungsfrage das leitende Motiv war, das die Einheimischen zum Widerstand gegen die Regierung getrieben hat.

Die Bewohner der Stadt Zeitun, ungefähr 1200 - 1500 Häuser, leben in Zwietracht untereinander und haben keinen Gemeinsinn. Nur die allgemeine Not und Gefahr verbindet die einzelnen zu gemeinsamer Aktion. Sie sind teilweise mit alten minderwertigen Waffen versehen, um sie zur Defensive zu gebrauchen. Für offensives Vorgehen fehlt ihnen die nötige Organisation und Führung.

Die Weigerung, Steuern zu zahlen und der Militärdienstpflicht zu genügen, ist keine Einzelerscheinung im großen Osmanischen Reiche. Sie ist überall und man kann sagen in jedem Vilajet zu treffen. Auch mancher Stamm in Lasistan, Kurdistan und in den Gegenden, wo Araber, Tscherkessen für sich geschlossen leben, zahlt meistens keine Steuern und leistet keinen Militärdienst.

Die Armenier in Zeitun haben der Regierung soweit nachgeben wollen, daß sie den Vorschlag machten, den militärischen Dienst an ihrem Orte zu leisten, der aber von der Regierung nicht angenommen wurde. Die Armenier geben als Rechtfertigung an, daß sie sich vor der in ihrer Nachbarschaft wohnenden muselmännischen Bevölkerung nicht sicher fühlen und deshalb die Entfernung der waffenfähigen Männer nicht zulassen können. Sie versichern, daß ein agressives Verhalten ihrerseits nicht zu befürchten sei, namentlich jetzt, wo sie ihre Waffen der Regierung abgeliefert haben und fast wehrlos sind.

Die Scheu vor dem Militärdienst ist hier im Lande allgemein, so daß Christen sowie Mohamendaner auf irgend eine Weise sich zu befreien suchen. Der eine zahlt „Bedel“ der andere desertiert. Mit einem Wort herrscht bei der Bevölkerung, ob Christen oder Mohamedaner keine Begeisterung für den Waffendienst.

In der letzten Zeit ist die Abneigung bei den Christen umso größer geworden, da sie ausnahmslos als gewöhnliche Bauarbeiter verwendet und ihnen keine Waffen gegeben werden.


S. Agabalian



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