1915-09-24-DE-004
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon 97/Bl. 64-66
Botschaftsjournal: 10-12/1915/8008
Erste Internetveröffentlichung: 2010 April
Edition: Deportationsbestimmungen
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Die deutsche Firma Lucks & Plathner Konstantinopel an die Botschaft Konstantinopel

Schreiben


Konstantinopel, den 24. September 1915.

Wir gestatten uns, Sie um Ihre gütige Unterstützung in nachstehender Angelegenheit ganz ergebenst zu bitten.

Infolge des Krieges ist unsere gesamte, den Im- und Export betreffende Tätigkeit vollkommen lahmgelegt; das Einzigste, womit wir uns momentan befassen können, ist die Bearbeitung von Holzgeschäften innerhalb der Türkei, so weit es in dem für den Handel freien Raume überhaupt möglich ist.

So sind wir augenblicklich das einzige Haus, welches in der Lage ist, den Orientalischen Eisenbahnen auch nur halbwegs die nötigen Posten in Eichen-Schwellen liefern zu können und ist die Lieferung dieser Schwellen für die Bahn, somit also auch für militärische Zwecke , von allerhöchster Wichtigkeit, eine Tatsache, welche Ihnen die Orientalischen Eisenbahnen auf Anfrage ohne weiteres bestätigen werden.

Die Fabrikation, der Transport und die Uebergabe der Schwellen ist schon in normalen Zeiten eine Sache, die geschultes zuverlässiges Personal und eine mit Energie durchgeführte Organisation zur Hauptgrundlage hat.

In der jetzigen Zeit ist die Angelegenheit um so schwieriger, als infolge des Krieges der grosse Mangel an Arbeitskräften und an Transportmitteln - sei es zu Wasser oder zu Lande - Schiff, Karren oder Eisenbahn, das Arbeiten ganz ungemein erschwert, sodass die wenigen Personen, welche die Ueberwachung der Fabrikation und den Transport besorgen, unumgänglich nötig für uns sind, wenn der letzte Zweig unseres Geschäftes, der noch ein Arbeiten ermöglicht, nicht auch stillgelegt werden soll.

Ein Teil der Ueberwachung wurde von unserem Herrn Plathner durchgeführt, der sich hierzu von Zeit zu Zeit in betr. Provinzen auf europäischer oder asiatischer Seite begab. Da aber, wie Ihnen ja bekannt, unser Herr Plathner seit ca. 14 Tagen mit einer besonderen Mission vom Etappenkommando betraut wurde und seine Tätigkeit in unserem Geschäft also wegfällt, so ist uns als einzige, wirklich zuverlässige Person unser Betriebsleiter geblieben, namens Serkis Jakubian, verheiratet, wohnhaft in Makri-keuy, gebürtig aus Tackerün.

Infolge der die Armenier betr. Vorgänge der letzten Zeit ist natürlich nicht daran zu denken, dass man uns - oder diesem Manne - auf blosses Ansehen hin, einen Erlaubnisschein geben würde welcher ihm gestattet, sich - wie bisher - frei zu den Arbeits- und Transportstellen für unser Geschäft begeben zu können.

Ohne diesen Mann jedoch würden wir, eben weil Herr Plathner auch fort ist, total lahmgelegt sein; es würde dadurch z.B., wenn nicht gerade zur Unmöglichkeit so doch jedenfalls zu einer mit grossen Unannehmlichkeiten und mit Verlusten für uns verbundenen Sache werden, einen Posten von 3000 Schwellen, der aus den Wäldern herausgeschafft an der Fahrstrasse hinter Düsdje zum Abtransport nach Adar-Bazar bereit liegt, dorthin zu schaffen, weil wir sonst ausser Serkis Jakubian zur Zeit niemanden haben, der - entsprechend den Verhältnissen im Innern - die Sache richtig leiten könnte, da - wie schon vorgesagt - auch Herr Plathner nicht im Geschäft ist. Desgleichen können wir ohne diesen Mann einen neuen Vertrag, wie ihn jetzt die Orientalischen Bahnen machen möchten, nicht abschliessen; mit anderen Worten, wir würden ohne diesen Mann geschäftlich ganz stillgelegt und durch Zehrung des Vorhandenen, wie so manches deutsches Geschäft, abwirtschaften müssen.

Um dem zu entgehen gestatten wir uns die ergebene Bitte zu unterbreiten, bei der Türkischen Regierung gütigst dahin vorstellig zu werden, dass für vorgenannten Serkis Jakubian eine Spezial-Erlaubnis ausgestellt wird, damit derselbe sich frei bewegen und unser Interesse wahrnehmen kann, welches - da es sich um Lieferung von Schwellen handelt - gleichzeitig im Interesse der Bahn resp. der Sicherheit der Züge und somit also auch ganz direkt im Interesse der Kriegführung ist.

Wir haben diejenigen Herren der Orientalischen Eisenbahnen, welche die Verhältnisse kennen, in vorgeschildertem Sinne gesprochen und werden Ihnen die Orientalischen Eisenbahnen auf Anfrage sicher bestätigen, dass im Holzgeschäft und und besonders bei der Fabrikation der Schwellen das ganz gute Gelingen tatsächlich fast lediglich von derjenigen Person abhängt, welche seit Jahren mit den verschiedenen Arbeitsgruppen, Wagenbesitzern, staatlichen Waldbeamten u.s.w. verkehrt. Wir hoffen daher zuversichtlich, dass Sie unsere Bitte um Erreichung eines Spezial-Scheins (Vezika) für genannten Serkis Jakubian bei der Türkischen Regierung durchbringen werden.

Indem wir Ihnen für Ihre freundliche Unterstützung zum Vorhinein unseren verbindlichsten Dank aussprechen, zeichnen wir


mit aller Hochachtung
ganz ergebenst!
[Unterschrift]



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