1915-11-01-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon 97/Nr. 152-161
Botschaftsjournal: 10-12/1915/9442
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Generaldirektor der Anatolischen Eisenbahn-Gesellschaft Franz Johannes Günther an den Geschäftsträger der Botschaft Konstantinopel (Neurath)

Privatschreiben



Constantinopel, den 1. November 1915

Sehr verehrter Herr Baron!

Für Ihre Sammlung behändige ich Ihnen einliegend die Niederschrift eines zuverlässigen Herrn und bitte um Retournierung des Ihnen überlassenen Briefes vom Sonnabend.

Mit vielen Grüssen Ihr sehr ergebener


Günther

Anlage
Konstantinopel, Oktober 1915

Bei meiner Abfahrt von Haidar-Pascha bemerkte ich bereits eine sehr grosse Zahl armenischer Familien, die von Gendarmen begleitet zu Güterzügen geführt und dort, bei weitem mehr als in einen Wagen hineingeht, untergebracht wurden. In Ismid wurden diese Leute ausgeladen, in ein Lager gebracht und dafür andere Armenier aus der Umgegend in der selben Weise verladen.

Bei meiner Abfahrt von Eski-Schehir sah ich, dass sich die Zahl der im Zuge befindlichen Armenier noch vergrössert hatte. Die Deportirten waren zum Teil in Kleinviehwagen (H Wagen) in beiden Etagen untergebracht, die Dächer der Wagen waren ebenfalls mit Menschen bedeckt. Die Leute verblieben dort während der ganzen Fahrt, auch während der Nacht, die bitter kalt war.

Massgebende Personen, die ich danach fragte, ob derartige Sachen häufig vorkämen und ob man nichts dagegen täte, dass die Leute während der kalten Nächte auf den Dächern bleiben, erklärten, dass sie dem nicht abhelfen könnten und dass dies seit Wochen eine alltägliche Erscheinung wäre.

In Alajund sah ich ein Armenierlager von gewaltiger Ausdehnung, das sicherlich mehrere Tausend Menschen beherbergte.

Gegenüber dem Bahnhof Afion Karahissar befand sich ein Lager, das bei meiner Vorbeifahrt glaubwürdigen Angaben nach ca. 12000 Armenier fasste und zeitweise von 50 bis 60 Tausend Menschen bevölkert war. Die Unterkunft geschah in der primitivsten Weise, in Zelten, die sich die Leute aus ihrem Bettzeug oder sonst wie herstellten; ein sehr grosser Teil lag voll-ständig im Freien.

Von Konia ab wird ein Teil der Deportirten zu Fuss über den Taurus gebracht, ein anderer mit der Eisenbahn nach Bosanti. Nach welchen Gesichtspunkten der eine oder andere Weg gewählt worden ist, war nicht zu erfahren. An dem Tage meiner Durchfahrt sollen etwa 10 bis 12 Tausend Armenier zu Fuss weitergebracht worden sein.

Von der Eisenbahn aus konnte ich nunmehr den fast ununterbrochenen Zug bis nach Bosanti verfolgen. Ein Teil der Leute führte noch ein paar Esel mit, hin und wieder sah man auch Wagen, auf denen das Gepäck aufgeladen war oder Frauen und Kinder sich befanden. Die Menschen blieben an der Strasse über Nacht.

Die Verpflegung mit Brot und Wasser muss sehr schwierig sein. So wurde mir in Tschumra erzählt, dass für die vielen Tausend Menschen, die täglich durchkommen, ein einziger Backofen für die Brotversorgung vorhanden wäre. Trotzdem ist es streng verboten, den Leuten Brot oder selbst Wasser zu geben. Zwei Herren, die dies an zwei verschiedenen Stellen versuchten, sind durch offizielle Schreiben mit dem Kriegsgericht bedroht worden. So erklärt es sich, dass Frauen ihre Kinder um ein paar Piaster verkaufen oder sie auf der Strasse liegen lassen.

Aus Adana ist der grösste Teil der Armenier bereits entfernt; ein grosser Teil der Geschäfte in der Stadt ist geschlossen. Verschiedene Häuser der Armenier wurden, wie ich mit eigenen Augen sah, halb oder ganz niedergerissen, weil sie „einer künftigen Strassenerweiterung“ im Wege stehen.

Die unglaublichsten Geschichten werden dort von der Eigentumsübertragung von Armeniern an Türken erzählt, von denen hier nur eine, die aus bester Quelle stammt, aufgeführt werden soll. Ein reicher Armenier gab vor Gericht folgende Erklärung ab: Da er sich in seinem Leben, in Hab und Gut bedroht fühle, übertrage er einem einflussreichen Türken den Schutz seines Lebens und verpflichte sich dafür, ihm von 3 Jahren ¾ des Bruttoeinkommens seiner Landgüter zu überlassen.

Die vielen armenischen Dörfer zwischen Adana und Mamure sind verödet. Auf den ganzen 140 Kilometern zwischen Dorak und Mamure habe ich auf der Hinfahrt nicht einen einzigen Bauern sein Feld bestellen sehen. Auf der Rückfahrt zählte ich deren drei.

In Mamure befindet sich wiederum ein Armenierlager von ungeheurer Ausdehnung, es ist jedoch von der Bahn zu weit entfernt um nähere Angaben machen zu können.

Sitzt man in dem etwas über der Strasse gelegenen Haus in Entilli, so erblickt man unter sich Tag und Nacht einen Zug von Männern, Frauen und Kindern vorbeiziehen, die nach dem langen Marsch in einem trostlosen Zustand sind; die Zahl der Tiere, die sie mit sich führen, ist erheblich zusammengeschrumpft; nur einige Wagen sind sichtbar, die vielfach halb zerbrochen auf den schlechten Strassen sicherlich nicht mehr lange Dienst tun können.

Die Leute klopfen nachts, wo sie weniger beobachtet werden, an die Tür, flehen um ein Stückchen Brot, und zwar nur Brot, Geld wollen sie vielfach nicht nehmen.

Von Entilli nach Islahie fuhr ich im Wagen an dem endlosen Zug vorbei. Das ganze Hab und Gut war in ein kleines Bündel, das die Leute auf dem Rücken trugen, zusammengeschrumpft; kleine Kinder wurden von den Frauen getragen, die grösseren liefen nebenher, jedes irgend einen kleinen Wirtschafts- oder Gebrauchsgegenstand in der Hand.

Alles, was irgendwie wertvoll war, insbesondere das Vieh, wurde von den Gendarmen, den Offizieren und der muselmanischen Bevölkerung für einen Spottpreis gekauft oder entwendet. Ein höherer Offizier äusserte sich zu einem mir bekannten Herrn dahin, dass eine solche Gelegenheit, reich zu werden, wohl nie wieder kommen würde und dass jeder, der diesen Augenblick nicht ausnütze, ein Dummkopf wäre.

Von Islahie gehen die Leute weiter bis Katma und von dort aus nach Osten oder Süden. Nach Aleppo werden die Deportirten neuerdings nicht mehr gebracht. Nichtsdestoweniger ist die Stadt Aleppo überfüllt von Armeniern, die aus dem Innern kommen, insbesondere aus Sivas, Diabekir, Urfa u.s.w. Wie mir versichert wurde, erreichten diese, soweit sie unterwegs nicht überhaupt zu Grunde gingen, in einem bejammernswerten Zustand Aleppo und wurden dort in irgendwelchen Gebäuden oder im Freien in der Stadt untergebracht. Die Folge davon waren Epidemien schlimmster Art, die in Aleppo ausgebrochen sind, Dysenterie, Typhus aller Art und Flecktyphus. Die Krankheiten beschränken sich nicht mehr auf die eingewanderten Armenier, sondern haben bereits nach Angaben eines Arztes in erschreckender Weise um sich gegriffen und auch die besseren und besten Kreise angesteckt.

Die Unterbringung und Verpflegung der erkrankten Armenier spottet jeder Beschreibung; Lebende und Tote lässt man auf dem nackten Boden in ihrem eigenen Unrat liegen. Der Besuch dieser sogenannten Krankenhäuser, die ich selbst nicht gesehen habe, soll auch auf Leute, die den Krieg im Westen und Osten in der schrecklichsten Form mitgemacht haben, derartig erschütternd wirken, dass auch die stärksten Nerven dabei versagen.

Die Toten werden in Kastenwagen, von denen früher einer, jetzt 10 Stück vorhanden sind, ausserhalb der Stadt gebracht. Die Unterbringung der Toten in diesen Wagen muss wohl keine sehr zuverlässige sein, da kürzlich auf offener belebter Strasse ein Wagen in Gegenwart von zwei Damen seinen Inhalt ausleerte. Die Kutscher werden vielfach von der Bevölkerung angerufen und gefragt, den wievielten sie heute bereits befördern; je höher die Zahl, desto grösser die Freude.

Im Monat September sind in Aleppo 3900 Armenier auf diese Weise gestorben; die Zahl soll sich inzwischen auf etwa 200 pro Tag erhöht haben.

Zum Bestatten der Toten ist den Deportirten ein Gelände nicht weit von der Stadt überwiesen worden. Die mit dem Karren herbeigeschafften Leichen wurden auf einem Haufen zusammengeworfen und als man an das Graben gehen wollte, stellte sich heraus, dass das ganze Gelände Felsboden war und die Herstellung von Gräber ohne besondere Hilfsmittel, die nicht vorhanden waren, unmöglich war. So lagen die Toten tagelang in der glühenden Hitze. Ich habe eine grosse Zahl Photographien dieses Kirchhofs gesehen und kann wohl sagen, dass es das Grauenvollste ist, was man sich denken kann.

In Urfa sollen sich die Armenier der Austreibung mit Gewalt widersetzt haben. Es wurden Truppen mit Artillerie dorthin gesandt und vor meiner Abreise wurde von den Türken erzählt, dass die Truppen zurückkehren, in Urfa wäre alles geregelt. Wie ich erfuhr, ist das ganze Armenierviertel, mit allem, was darin war, vernichtet worden.

Jetzt hat sich die Regierung entschlossen, die in Aleppo befindlichen Deportirten schleunigst fortzuschaffen, um so der Epidemie Einhalt zu tun. Noch vor kurzer Zeit wurden die armenischen Auswanderer, die aus dem Innern kamen, durch die Stadt geführt und es war dabei den Einwohnern strengstens verboten, die in der Hitze halb Verschmachteten durch einen Schluck Wasser zu erquicken. Eine alte Frau, die vor Erschöpfung zusammenbrach wurde, wie Augenzeugen bestätigen, von einem Gendarmen durch Fusstritte und Peitschenschläge zum Weitergehen gezwungen und als aus einem Nachbarhaus eine Frau mit einem Glas Wasser herbeikam, schlug ihr der Gendarm das Glas aus der Hand und versuchte, die Frau wieder zu misshandeln. Sie schleppte sich einige Häuser weiter und starb dort. Von dem gleichen Zuge Armenier wurde eine Frau auf der Strasse von einem Kind entbunden; einige Schritte weiter fand man eine tote Frau mit einem lebenden Kind an der Brust.

Armenische Frauen, die aus dem Innern kamen, gaben zu Protokoll, dass sie nach Vertreibung aus ihrer Heimat, in verschiedene Gruppen geteilt wurden. Die Männer wurden abseits geführt und getötet; junge Frauen und Mädchen wurden gut behandelt und unter die Türken verteilt; was dann noch übrig blieb, wanderte weiter. Vielfach wurden die Armenier gezwungen, vor ihrer Auswanderung rechtsgültigen Verkauf ihres Besitzes an Türken vorzunehmen natürlich ohne oder gegen ganz geringe Erstattung des Wertes.

Je weiter es nach dem Osten geht, um so grösser wird die Zahl der Toten. Kürzlich wurden, nur längs der Eisenbahn nach Ras-el-Ain zu, über 200 Leichen bestattet. Dutzende von Frauen kommen vollständig nackt zu einer der Eisenbahnstationen. Unlängst wurde von einem vorüberfahrenden Eisenbahnzug ein dreijähriges Kind, das sich in dieser Wüste mutterseelenallein befand, aufgenommen und nach Aleppo gebracht.

Wohin die Armenier eigentlich geführt werden sollen, war nicht zu erfahren; es hiess nur immer, sie sollten weiter nach Osten ziehen und sich dort ansiedeln. Wie diese Leute, soweit sie lebend an ihr Ziel gelangen, ohne Vieh, ohne Geld, ohne Zelte und Lebensmittel in einem unbekannten Klima auf bisher unbebautem Boden ihren Lebensunterhalt finden sollen, darüber wusste keiner Auskunft zu geben.



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