1915-06-03-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/169
Botschaftsjournal: A53a/1915/3502
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J. No. 516
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Konsul in Adana (Büge) an den Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim)

Bericht



J. No. 516
Adana, den 3. Juni 1915

2 Anlagen.

Euerer Exzellenz beehre ich mich in den Anlagen ein weiteres Schreiben des hiesigen Katholikos an den dortigen Patriarchen nebst Uebersetzung gehorsamst zu überreichen.


Büge


[Notiz Mordtmann 11. 6.]

Anl. dem Patriarchen am 10. 6. in anderem Umschlage übergeben; ich warnte ihn dringend irgendwie verlauten zu lassen daß die Anl. ihm durch uns übermittelt sei.


Anlage 1
Adana, den 2. Juni 1915.

Euere Exzellenz

erlaube ich mir für die freundliche Erlaubnis, durch das hiesige Kaiserliche Konsulat dem armenischen Patriarchen in Konstantinopel von der hiesigen Lage zu berichten, meinen besten Dank auszudrücken.

Aus diesem Anlaß bringe ich Euerer Exzellenz den Ausdruck meiner tiefen Verehrung und dem mächtigen siegreichen deutschen Volke meine besten Glückwünsche dar.


Katholikos der Armenier in Cilicien

Sahag II.


An den hochwürdigen armenischen Patriarchen Erzbischof Sawen, Konstantinopel.

Wir leben hier wie Gefangene. Wir können weder sprechen noch schreiben und haben keine Mittel um unsere Leiden der Welt bekanntzumachen.

In diesen traurigen Tagen war es für mich ein Trost zu wissen, daß Sie mein Schreiben vom 8. April empfangen haben.

Geschwächt durch Kummer und Sorgen werde ich die weiteren Vorgänge, welche die Verbannungen der Bewohner von Dörtjol und Zeitun an Elend weit übertreffen, kaum schildern können.

Am 6. April kam der Priester von Aleppo hierher, um mich gemäß dem Wunsche der Armenier und dem Rate des Walis nach Aleppo einzuladen. Ich war geneigt nach dieser Stadt zu fahren, um nicht nur der dortigen Gemeinde Mut und Trost zu erteilen, sondern auch um Gelegenheit zu haben, Dschemal Pascha in Jerusalem aufzusuchen, um von ihm Erbarmen für mein Volk zu bitten. Leider habe ich dies Vorhaben nicht verwirklichen können, da die Armenier von Adana im Glauben, daß meine Anwesenheit ihnen eine gewisse Erleichterung ihrer Leiden bringen könnte, mich nicht wegließen. Ich habe diesbezüglich den hiesigen Wali um Rat gefragt, der mir ausweichende und keine bestimmte Antwort gab.

Fachreddin Pascha, der Bevollmächtigte von Dschemal Pascha kam anfangs April während seiner Inspektionsreise Zeitun, Marasch, Aintab, Aleppo nach Adana. Am 10. April stattete ich ihm einen Besuch ab während dessen er sich über manche Angelegenheit sehr verbittert äußerte. Er hatte schon Kenntnis von meinem Telegramm an Dschemal Pascha betreffs der Verbannung der Bewohner von Dörtjol und Suédié. Er fand meine Angaben übertrieben und teilte mir mit, daß Dschemal Pascha die Untersuchung der Angelegenheit schon verordnet habe. Ich habe ihm die Bemerkung gemacht, daß es unrecht sei, die 25 - 30 Deserteure frei laufen zu lassen, das friedliche Volk dagegen in Verbannung zu schicken und die heiligen Stätten zu verbrennen, trotz der Versicherung Dschemal Paschas, daß die Unschuldigen geschont werden sollten. Fachreddin Pascha hat die Maßregeln der Regierung dadurch rechtfertigen wollen, daß diese Verbannung der reichen Armenier aus den Städten Marasch, Aintab und Kilis nur zu Gunsten der ärmeren Bevölkerung, welche von den Reichen ausgebeutet wird, geschieht. Die Angaben des hiesigen Walis über die Stadt Hadschin sollen beruhigend gewesen sein, und diese Ortschaft soll geschont bleiben. Die Regierung hat Verdacht auf die armenischen Vereinigungen, namentlich auf die Jung-Armenier. Weiter hat er mir den Vorwurf gemacht, daß ich vor zwei Jahren in Marasch eine Filiale des Wohltätigkeitsvereines „Baregorzagan“ gegründet habe. Seine Informationen über diesen Verein sind vollständig unrichtig. Er meinte: „Ein Verein, an dessen Spitze Nubar Pascha steht, kann keinen guten Zweck verfolgen.[“] Nubar Pascha soll ein Verräter gewesen sein. Ich gab Fachreddin Pascha die Antwort, daß Nubar Pascha ein guter Patriot und treuer ottomanischer Untertan sei. Er habe mir schriftliche Beweise seiner Treue geliefert. Er habe mir während des Balkankrieges den ernsten Rat gegeben, alles aufzubieten, um das treue und loyale Verhalten der Armenier dem osmanischen Reiche gegenüber aufrechtzuerhalten. Außerdem sei der Wohltätigkeitsverein keine geheime Verbindung, er sei vom Staat konzessioniert und habe in vielen Städten, sogar in der Hauptstadt und in Smyrna seine Filialen. Fachreddin Pascha hat auch Bedenken über den Begriff „Cilicien“ gezeigt. Ich erklärte ihm, daß man unter Cilicien diejenigen Ortschaften versteht, die kirchlich vom Katholikos in Sis abhängig sind.

Am 20. April fand hier die allgemeinen Hausdurchsuchungen bei den Armeniern statt. Trotzdem die Regierung nur 200 unverbotene Waffen fand, verhaftete sie mehrere Personen. Die Regierung hat immer noch Verdacht auf die Armenier. Dagegen habe ich dem Wali versichert, daß das armenische Volk alle Waffen ausgeliefert habe und daß ich für die Treue meines Volkes volle Verantwortung übernehme. In diesem Sinne habe ich sogar dem Ministerpräsidenten und Dschemal Pascha telegraphisch Garantie gegeben. Weil ich die Sendung meiner Telegramme bezweifle füge ich die Abschrift davon als Anlage bei.

Die Verhaftungen dauerten fort. Man sprach von der Verbannung von 500 Familien aus Adana, 200 Familien aus Tarsus und Mersina, sowie 1000 Familien aus Hadschin und von der vollständigen Räumung von Dörtjol. Alle diese Gerüchte versetzten das Volk in Entsetzen. Während der Durchführung hat man auch das osmanische Orphelinat durchgesucht und nach Prüfung der Papiere wegen eines Büchleins, betitelt „Selbstverteidigung“, von dem man 6 Exemplare gefunden hat, den Direktor Wahagen Effendi gefangen genommen und von jedem Verkehr abgeschlossen.

Am 23. April hat die Regierung wieder 2 Armenier aus Dörtjol aufhängen lassen, den einen in Tarsus und den anderen in Osmanié.

Am 26. April hat man auch das hiesige Gemeindeamt einer Durchsuchung unterzogen. Man hat natürlich nichts Verdächtiges gefunden. Man ist so weit gegangen, daß man sogar mein Wohnzimmer durchsuchen wollte. Darauf habe ich verlangt, daß der Polizeichef persönlich die Durchsuchung vornehmen sollte, sonst könnte ich den Eintritt in mein Wohnzimmer nur nach Annahme meiner Demission erlauben.

Das Unglück dauerte fort und viele Familien, auch Frauen, Greise und Kinder mußten die Stadt verlassen. Der Gemeindevorsteher bat den Wali umsonst um die Schonung der Frauen, Kinder und Schwachen. Wir wollten uns persönlich an Dschemal Pascha oder seinen Vertreter Fachreddin Pascha wenden, man hat uns aber nur die Abgabe der Telegramme gestattet. Da ich die Absendung meiner Depeschen bezweifle, füge ich die Abschrift derselben hier bei.

Am 1. Mai haben wir von der Durchsuchung in Sis bestimmte Nachrichten bekommen; die Regierung hat weder in Privatwohnungen noch im Kloster etwas verdächtiges gefunden. Trotzdem sind etwa 80 Personen verhaftet worden, die nach 6tägigem Arrest freigelassen worden sind.

Am 3. Mai habe ich nach Marasch 100 Pfund senden müssen. Der Gemeinde in Aleppo habe ich keine Hilfe leisten können, dagegen habe ich ihr erlaubt von dem Gelde für die Waisen Gebrauch zu machen. Wohin die Armenier von Marasch und Aleppo verschickt werden, ist mir nicht bekannt, wahrscheinlich nach Mesopotamien, unter die halbwilden Beduinenstämme.

Gemäß der Verordnung der Regierung sollten von Adana viele Familien schon am 4. Mai die Stadt verlassen und nach dem Wilajet Aleppo verbannt werden. Auf die inständige Bitte der Frauen hat ihnen der Wali auf seine Verantwortung 4 Tage Frist gewährt.

Am 4. Mai erlitt der Gemeindevorsteher infolge der Aufregung einen Schlaganfall. Anfangs lag er zwei Tage ganz bewußtlos, jetzt fühlt er sich etwas besser. Seine linke Seite ist noch immer gelähmt.

Am 5. Mai wurden zwei Armenier unschuldigerweise aufgehängt. Sie sind der Ungerechtigkeit zum Opfer gefallen.

Am 6. Mai kamen die zur Verbannung Verurteilten, darunter viele Greise, Frauen und Kinder zum letzten Male in die Kirche, um sich zu verabschieden. Es war ein sehr trauriges und herzzerreißendes Schauspiel. Sie bereiteten sich als Märtyrer vor, um ihr Kreuz zu tragen.

Am 7. Mai fuhren die Verbannten nach Tarsus. Alle, ob reich oder arm, mußten das Fahrgeld selber zahlen, die Reichen mußten für die Armen sorgen. Die Regierung hat den Armen keine Unterstützung gegeben. Wären diese türkische Auswanderer, dann hätten sie jede Unterstützung bekommen können, ja sogar die Christen hätten dabei beisteuern müssen. Die Armenier werden immer stiefmütterlich behandelt.

Nach Möglichkeit helfe ich den Bedürftigen. Die mir zugesandten 500 Pfund sind für Hilfeleistungen verbraucht worden. Ich glaube nicht, daß Sie auf irgend eine Weise für die Beseitigung dieser üblen Zustände und unseres Unglücks tun können. Aber materielle Hilfeleistung dürfen wir doch von Ihnen erwarten.

Ich werde Ihnen diesbezüglich telegraphieren. Falls Sie mein Telegramm nicht bekommen, belieben Sie mir nach Empfang dieses Schreibens 500 Pfund zu schicken. Es herrscht hier viel Elend, mehr als nach den Tagen der Metzelei.

Ich habe mich an den Wali gewandt, und ihn um Auskunft über die Lage gebeten. Er hat mir keine Hoffnung für die Besserung der Lage gegeben, im Gegenteil er hat von massenhaften Verbannungen geredet.

In Hassanbeili hat man einen Gendarm getötet. Es wird auch die Verwundung einiger Personen vermutet. Die Regierung droht mit der Verbannung der gesamten Bevölkerung dieser Ortschaft. Der Wali verlangt, daß ich meine Gemeinde zur Ruhe und Ordnung mahne. Es fehlt mir jedes Verkehrsmittel und man verlangt von mir dennoch meine moralische Mitwirkung.


[Katholikos der Armenier in Cilicien

Sahag II.]


P.S. Am 11. Mai besuchte ich den Wali. Er versicherte mir, daß die Verbannung nicht mehr fortgesetzt werden solle. Die Verbannten vom 7. Mai warten in Tarsus und einige Familien sind schon nach Adana zurückgekehrt. Am 13. Mai wurden 4 Armenier aus Hadschin, zwei hier und zwei in Dschihan aufgehängt. Man hat alle ungerechterweise zum Tode verurteilt. 25 Familien aus Hassanbeili sind nach Aleppo verbannt worden. Aus Hadschin bekommen wir keine Nachricht. Die Bewohner von Zeitun schickt man nach Ter-Zor. Kaum 100 - 150 arme Familien sind in der Stadt Zeitun geblieben.


[derselbe]

Für richtige Übersetzung Simon Agabalian.


Anlage Nr. 1
Adana, d. 20. April 1331

An Seine Exzellenz, den Ministerpräsidenten.

Gestern hat die Hausdurch[such]ung bei den hiesigen Armeniern ohne Zwischenfall stattgefunden. Es sollen im Ganzen etwa 200 gewöhnliche Flinten und Pistolen gefunden worden sein. Es sind Leute, deren Schuldlosigkeit ich nicht zweifle, in Haft genommen. Da ihre Familien sich in elendem Zustande befinden, bitte ich das Erbarmen der Regierung für dieselben. Für die unerschütterliche Treue der unter meiner kirchlichen Oberherrschaft befindlichen armenischen Gemeinde leiste ich volle Garantie und bitte um die Annahme meiner Bürgschaft.


[Katholikos Sahag II.]

für richtige Übersetzung Simon Agabalian

Abschrift davon ist dem armenischen Patriarchat zugegangen.


Anlage Nr. 2

An Seine Exzellenz Dschemal Pascha

Kommandanten der Kaiserlichen 4. Armee.


Adana, d. 20. April 1331.

Gestern hat die Hausdurchsuchung bei den hiesigen Armeniern ohne Zwischenfall stattgefunden. Es sollen im Ganzen etwa 200 gewöhnliche Flinten und Pistolen gefunden worden sein. Es sind Leute, deren Schuldlosigkeit ich nicht zweifle in Haft genommen. Diese sind im Jahre 1335 vom Kriegsgericht entweder freigesprochen oder durch Kaiserliche Order begnadigt worden. Da ihre Familien sich in elendem Zustande befinden, bitte ich das Erbarmen der Regierung für dieselben. Für die unerschütterliche Treue der unter meiner kirchlichen Oberherrschaft befindlichen armenischen Gemeinde leiste ich volle Garantie und bitte um die Annahme meiner Bürgschaft.

[Katholikos Sahag II.]

Für richtige Übersetzung Simon Agabalian.


Anlage [3]

An den Kommandanten der Kaiserlichen 4. Armee Exzellenz Dschemal Pascha.

Adana, d. 2. Mai 1331.

Trotz der für die Treue meiner kirchlichen Gemeinde geleisteten Bürgschaft findet schon die Verbannung einiger Leute statt. Dies bringt mich moralisch zum Grabe. An diesem Grabe bitte ich Ihr Erbarmen. Um das bittere Schicksal der Verbannten zu mildern, bitte ich mit tränenvollen Augen, Euere Exzellenz von der Verbannung der Kinder und Frauen gnädig Abstand zu nehmen. Kranke und schwangere Frauen, Knaben und Mädchen, alle unschuldig, sollen auf den Bergen und in den Tälern nicht zu Grunde gehen, und ihr Gebet wird das Leben Euerer Exzellenz verlängern. Mein einziger Wunsch ist es, entweder zu sterben oder meine Bitte genehmigt zu sehen. Um Gott gefällig zu sein, haben Euere Exzellenz Erbarmen. Ich appelliere an Ihr Gewissen. Ich kenne keine Mittel mehr. Bitte für das Stillen meiner Tränen und für die Heilung meiner Wunden Ihre gnadenvolle Befehle zu erteilen.

[Katholikos Sahak II.]

Für richtige Übersetzung Simon Agabalian.



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