1914-12-14-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/168
Botschaftsjournal: A53a/1914/3610
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J. Nr. 1333
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Konsul in Adana (Büge) an den Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim)

Bericht



J. Nr. 1333
Adana, den 14. Dezember 1914

Euerer Exzellenz beehre ich mich, anliegendes Schreiben der Preussischen Staatsangehörigen Missionsschwester Magdalene Didszun in Hadjin vom 4. d.Mts. mit dem Bemerken gehorsamst zu überreichen, daß ich dieselbe vor Kurzem infolge einer von ihr über die Haltung der Armenier gemachten Bemerkung ersucht hatte, sich ausführlicher über den Gegenstand zu äußern.

Daß die Armenier und die ottomanischen Christen überhaupt in Folge des Krieges keinerlei Sympathie für das Deutschtum hegen, vielmehr in jedem deutschen Sieg beinah einen unmittelbaren Angriff auf ihre Position im türkischen Staatsgebiet erblicken, ist nur zum Teil das Ergebnis der Beeinflussung von gegnerischer Seite.

Immerhin habe ich aus der Zuschrift von Fräulein Didszun Veranlassung genommen, den Katholikos zu ersuchen, in geeigneter Weise auf die Armenier in Hadjin und in seinem Amtsbezirk überhaupt einzuwirken.


Büge


Anlage
Hadjin, 4.XII.14

Kaiserlich deutscher Konsul, Adana,

Was ich über die [unleserlich] angestochene Sache berichten kann ist Folgendes:

Als die Amerikaner z.T. englische Untertanen vor einigen Wochen Hadjin verließen begleitete ich sie eine Strecke Weges & bei der Gelegenheit sagte mir Mrs. Eby daß Dr. Chambers mit der letzten Post geschrieben habe: Der engl. Konsul Adana hatte vor seiner Abreise eine Unterredung mit hohen türk. Beamten die ihr Bedauern darüber aussprachen daß der Konsul das Land verlasse - sie erklärten ihm daß sie ebenfalls bedauerten , daß es zum Kriege der Türkei mit England gekommen sei, die türk. Regierung habe das nicht gewollt, aber die im Lande befindlichen deutschen Offiziere hätten die Türkei gewissermaßen dazu gezwungen!!?

So wird in allerlei Form & auf allerlei Weise von England Gift gegen Deutschland gesäet, was auch teilweise sehr gut hervorsprießt & seinen giftigen Stickstift unter der armenischen Bevölkerung verbreitet, natürlich auch in andern Ländern & von anderer deutschfeindlicher Seite.

Bei Ausbruch des deutschen Krieges hatte ich reichlich Gelegenheit in der Umgegend von Cäsaria, Talar Everek & in letzten drei Monaten hier in Hadjin, Einblick in die allgemeine Volksstimmung und Volkmeinung zu tun und bin ich bis zum heutigen Tage genügend belehrt worden, daß die ganze armenische Bevölkerung, mit wenigen Ausnahmen, deutsch-feindlich gesonnen ist. Vielleicht ist deutsch-feindlich nicht der rechte Ausdruck, denn es ist vielmehr Deutschenfurcht, als Feindschaft. Fast in jeder Unterhaltung mit Arm. wurde von deren Seite das Kriegstema angeschnitten. Sowohl gebildete als ungebildete Arm. sprachen es ohne Hehl aus, daß sie wünschen & hoffen, daß Deutschland in diesem Kriege vollständig verlieren werde. Begründungen zu diesen „frommen“ Wünschen sind Folgende: Falls Deutschland siegt - ist das Leben und die Existenz der Armenier verloren. Weshalb? Weil Deutschland die türk. Regierung bei den vorangegangenen Massakres unterstützt habe & der deutsche Kaiser & die deutschen Konsule sogar dazu geraten haben sollen ?!! Sogar in letzter Zeit sei von deutscher Seite geraten worden: Säubert das Land von den Armeniern, dann werdet ihr Ruhe & Frieden finden. - - - - ?

Das ist der Grund & Herzenston aller Armeniern mit wenigen Ausnahmen und wenn Sie sich der Mühe unterziehen wollten, als Franzose oder Engländer unter das Volk zu treten, so würden Sie sicherlich auch in Adana mühelos finden, was ich hier überall fand: Ach daß die Türkei in franz. oder engl. Hände käme - ach daß doch das „stolze“ Deutschland - (wie es der hiesige Prediger der arm. protestantischen I. Kirche von der Kanzel aus tituliert) gedemütigt würde, & verlieren würde, dann, ja dann würde noch einmal eine Ruhezeit für die gequälte arm. Bevölkerung anbrechen!! - - - -

Doch wir Deutsche fragen entrüstet: Woher kommt diese Stimmung & Anschauung? Was und wer hat Deutschland in die Barbarenrubrik eingerückt? Ist es nicht gerade deutsche Opferfreudigkeit und deutscher Liebesdienst gewesen, der sich des durch die Metzeleien hervorgebrachten, armenischen Elends helfend und selbstlos angenommen hat? Ja selbst unser teurer geliebter Kaiser hat bei der letzthin verteilten Kaiserspende des deutschen Hilfsbundes für christl. Liebeswerk im Orient, dessen Hauptarbeit unter der arm. Bevölkerung ist, mit einer reichlichen Summe gedacht und ich selbst weiß, wie er sich bei einer persönlichen Unterredung mit Herrn Pastor Lohmann & Dr. Lepsius, den Gründern der Hilfsbundarbeit anerkennend ausgesprochen hat.

Im vergangenen Jahre arbeitete ich teilweise aus Freundschaft mit den das Land verlassenen Amerik. von Everek & Hadjin zusammen, indem ich ihre deutsche Korrespondenz erledigte. Bei der Gelegenheit kam ich zu der Überzeugung, daß selbst der Name der amerik. Liebestätigkeiten zum 2/3 Teil durch deutsche Liebesgaben der in Rußland und Amerika befindlichen Deutschen gehalten wird & dieses haben die amerik. Missionen selbst zugegeben, als sie jetzt wegen Geldmangel die Türkei verließen, sie geben zu, daß der größte Teil ihrer Ausgaben [durch] deutsche Gaben bestritten, die nun ausbleiben. Ich selbst weiß dieses sehr wohl, denn ich kenne die großen Summen, die, durch meine Artikel in deutschen Blättern, der amerik. Mission einkamen & aushalfen.

Woher kommt nun wohl die Furcht der Armenier für Deutschland & die Anhänglichkeit für unsere jetzigen Feinde? Weshalb weiß man in der breiten Masse so wenig von der wahren, echten Gesinnung der Deutschen? Weshalb glaubt man, daß Deutschland zu den Feinden & Vertilgern des armenischen christlichen Volkes gehöre? Weil der deutsche Liebesdienst nicht marktschreierisch wirkt! Weil das Bestreben der deutschen Missionen & Liebestätigkeiten ist, das orientalische Volk für sein eigenes Land, den Orient zu erziehen - weil es jeder treue deutsche Missionar oder Missionarin versucht, einen Ausgleich zu schaffen da, wo die jahrzehntelangen Unterdrückungen & Metzeleien solche tiefe Kluft zwischen Armeniern & Türken geschaffen haben.!

Jedoch die engl. amerik. oder franz. Missionen erziehen die armenische Bevölkerung durch Schulen & Kirchen in indirekter Weise für eigene Interessen ihrer Länder oder gewisser Religionsrichtungen, wodurch die armenische Bevölkerung ihrem Mutterlande in feiner, ungesehener Weise entfremdet wird. Alle die wunderbaren, vorhin erwähnten Überzeugungen der Arm. von Deutschlands Barbarentum u.s.w. und dadurch die Furcht vor Deutschland ist gleichfalls die Frucht vieler Jahre in feiner ungesehener Weise gesäeter Deutschfeindlichkeit und Eifersucht.

Durch angegebene Lügenberichte & Verdächtigungen kam das armenische Volk zu der so verkehrten Überzeugung & Furcht vor den Deutschen. Wer der Verbreiter aller Verleumdungen & Ausstreuer aller Giftsaat, weiß wohl nur der gerechte, allwissende Gott - jedoch uns steht es frei, unseren uns gegebenen Verstand zu gebrauchen und bis zu einem bestimmten Maße dürfen wir uns auch einen Vers machen woher die Deutschenfurcht kommt. Sind die so verdrehten Berichte als Deckmantel für begangenes Unrecht benutzt worden, dann ist die Quelle derselben nicht allzuweit - ist es aber durch selbstsüchtige, eifersüchtige Pläne der die Weltherrschaft erstrebenden Feinde hervorgerufen, brauchen wir gleichfalls nicht nach dem „Woher“ fragen.

Ich weiß, daß unser Gott ein gerechter Richter ist, nicht nur einzelner Personen, sondern ganzer Nationen, deshalb darf man ihm getrost den Richterspruch anvertrauen - möge er durch den jetzigen Krieg ein lautes, verständliches Urteil sprechen, über alle, die ohne Ursache den deutschen Namen in den Sumpf zu ziehen gedenken.

Aber ich empfinde, daß auch wir als Deutsche eine gerechte, milde Waffe gegen die falschen Gerüchte & Verdächtigungen zur Hand nehmen dürfen, indem wir in allen armenischen Blättern, seien es religiöse oder andere, laut Protest erheben, indem wir durch manche Tatsachen schlagend beweisen, daß die jetzt bestehende politische Freundschaft zwischen dem osmanischen & deutschen Reich nicht die Vertilgung & Unterdrückung der armenischen Christen bezwecke, sondern rein politischen Karakter trägt, und die deutsche Freundschaft mit dem osmanischen Reiche, Kultur & Reform & Freiheit (aber in selbstloser Weise) erstrebt, und wenn dem osman. Reiche für diese drei Punkte die Augen geöffnet werden, dann kommt es sicherlich in I. Linie der unterdrückten armenischen Bevölkerung zu gut. Heute sehnt sich das arm. Volk nach einer andern, christl. Regierung & heißt auch dazu Deutschland willkommen, wenn es nur erlöst würde - doch es vergißt und verkennt nicht die Schwierigkeiten eines Landes & Volkes unter fremdländischer Herrschaft. Der Orientale wird stets nur glücklich sein unter orientalischer Leitung und Regierung, wenn diese gerecht und der Ordnung unterworfen ist. Wird dieses in der osm. Regierung durch den Einfluß der deutschen Freundschaft erreicht, dann wird wohl das arm. Volk, in Deutschland den echten, wahren Helfer & Befreier erblicken, der nicht so viel von sich selbst redet, aber desto intensiver handelt.

Natürlich sind dieses meine Gedanken, die vielleicht in manchen Punkten gar nicht mit den Ihrigen übereinstimmen. Inwiefern Sie von diesem Aufsatz Gebrauch machen können & wollen, um dem deutschen Namen die gefährdete Ehre zu retten, liegt in Ihrer Hand, es bewegt mich nur noch ein [nicht entziffert] ob nicht ein großer Sieg gefeiert würde [nicht entziffert] es von Ihnen erwirkt würde, daß in allen armenischen Kirchen, protestant. oder gregoreanisch, oder katholisch ein Protest & zugleich eine Berichtigung gegeben werden würde. Die große Masse kann ja nicht lesen & so tun die Blätter nicht die notwendige Wirkung - auch wird in den Blättern, die meist englische Übersetzungen bringen, die Wirkung eines deutschen Protestes durch gegenteilige Artikel abgeschwächt & die armen Deutschen bleiben eben die herzlosen Barbaren der Armenier während unsere jetzigen Feinde an Glanz und Bewunderung gewinnen.

Ich habe mich nun frei & offen ausgesprochen in der Hoffnung meinem deutschen Volke und Vaterland für die Sache der Gerechtigkeit einen, wenn auch sehr geringen Dienst erwiesen zu haben & bitte ich, meinen Namen in keiner Weise zur Kenntnis zu bringen. Mein Dienst ist für meinen himmlichen König, aber zu gleicher Zeit hat es mein Herz bluten gemacht, daß man meinem irdischen König Sachen untergeschoben hat, dessen er nicht fähig ist weder als Fürst, noch als Christ, der er Gott Lob ist. Gott erhalte ihn unserem Volke noch lange.


M. Didszun

N.B. Ich las in einer deutschen Zeitung, wie man von Konstantinopel berichtet, daß das arm. Volk seine Anhänglichkeit zur Türkei beweise und zu allen Opfern bereit sei - - - - Ich muß sagen, daß ich täglich das Gegenteil höre, jeder Armenier wartet ungeduldig darauf, daß der jetz. türk. Krieg die Türkei zerspalte und in christl. Hände bringe.



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