1915-08-21-DE-011
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/170
Botschaftsjournal: A53a/1915/4857
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Zustand: A
Letzte Änderung: 04/22/2012


Der Generaldirektor der Anatolischen Eisenbahn-Gesellschaft (Günther) an die Botschaft Konstantinopel (Neurath)

Schreiben




Constantinople, den 21. August 1915

Chemin de Fer Ottoman d'Anatolie.

Sehr geehrter Herr von Neurath!

Anliegenden Bericht aus Konia vom 16. d.M. möchte ich Ihnen aus naheliegenden Gründen nicht auf offiziellem Wege, sondern lediglich als Privatmann und zu Ihrer persönlichen Unterrichtung und Kenntnisnahme überreichen.

Mit freundlichen Grüssen


Ihr sehr ergebener
Günther
[Notiz Mordtmann 24.8.]

K. g.; ich füge eine ausführliche Aufzeichnung enthaltend die neuerlichen Berichte der Herrn Zabel und von Hollbach, die dazu gehen, hinzu.

Anlage

Konia, den 16. August 1915

Die Unterzeichneten zur Zeit in Konia ansaessigen deutschen Staatsangehoerigen gestatten sich der Kaiserlich Deutschen Botschaft folgenden Bericht zu unterbreiten.

Seit einer Woche sind wir Zeugen der ergreifendsten Szenen, ueber die sich ein Fernstehender kaum ein Bild machen kann. Taeglich kommen lange Zuege mit Armeniern an, die nach ihren Aussagen aus Ismidt, Ada-Basar und Umgebung ausgewiesen worden sind.

Von Durchreisenden haben wir erfahren, dass diese Ausweisungsmassregeln schon seit Monaten in Cilicien und Nordmesopotamien zur Anwendung kommen und wie wir hoeren, soll auch in anderen Orten Anatoliens mit den Armeniern aufgeraeumt werden. Heute erhielten auch die hiesigen Armenier den Befehl, die Stadt innerhalb acht Tagen zu verlassen.

Freilich steht es uns nicht zu, diese Massnahmen der Behoerden zu beanstanden, ist es uns doch auch bekannt, dass sich Schuldige unter den Armeniern befinden. Was wir mit unserem Bericht bezwecken, ist nur, gegen die jeder Menschlichkeit zuwiderlaufenden Art der Behandlung dieser Vertriebenen Einspruch zu erheben.

Weiber und Kinder werden mit Faust- und Stockschlaegen angetrieben. Auf offenen Karren und Tatar-Wagen werden sie in die Nacht gejagt und die Unbemittelten muessen zu Fuss mit dem Rest ihrer Habe die beschwerliche lange Reise fortsetzen.

Die des Noetigsten entbehren, muessen ihre geringen Habseligkeiten verschleudern, ja, sie werden ihnen oftmals mit Gewalt entrissen und gestohlen.

Wie gross die Verzweiflung ist, geht daraus hervor, dass Muetter ihre Kinder verschenken, um sie vor dem elendesten Los zu bewahren.

Kinder, die von mitleidigen christlichen Familien angenommen wurden, sind diesen spaeter von den Behoerden abgefordert und Tuerken gegeben worden.

Hilfleistungen von unserer Seite wurden nicht gern gesehen. Dies erinnert uns an einen Vorfall im April dieses Jahres, wo die Unterstuetzung der hiesigen amerikanischen Mission an die ca. 3000 von Seitun ausgewiesenen Armenier verboten wurde; dagegen wurde von keiner Seite Einspruch erhoben, als bei den Balkanwirren von der gleichen Mission fuer mehr als 500 Ltq. Betten und Waesche von Eski-Chehir bis Eregli unter den mohamedanischen Auswanderern verteilt wurden.

Der ganze Weg von hier bis hinter Aleppo gleicht einer Karawane des Jammers und des Elends. In Ortschaften wie Karaman, Eregli und Bozanti, wo die Bewohner selbst an Brotmangel leiden, ist das Los der Vertriebenen unausdenkbar; sie sind einem langsamen qualvollen Hungertode preisgegeben. Zur Kenntnisnahme erwaehnen wir, dass in Bozanti trotz einem Brotpreise von Piaster 8 per Oka, solches nicht zu bekommen ist.

In den Gebirgsgegenden diesseits und in der Ebene jenseits des Taurus sind diese Aermsten den schaendlichen Geluesten der halbwilden mohamedanischen Bevoelkerung ausgesetzt.

Die ganze Massregel laeuft also allem Anschein nach auf eine voellige Ausrottung der Armenier hinaus.

Diese unmenschliche Behandlung bildet nicht nur fuer die Tuerken einen unausloeschlichen Schandfleck in der Weltgeschichte, sondern auch fuer uns Deutsche, als ihre jetzigen Verbuendeten und Berater, falls wir der Sache untaetig zusehen und die Vernichtung dieses Volkes zulassen. Abgesehen davon ist dieses Vorgehen hoechst beklagenswert im Interesse der wirtschaftlichen Lage des Landes und auch deutsche Unternehmungen werden dabei in Mitleidenschaft gezogen wenn dieses arbeitsame Volk zu Grunde geht.

Wenn sich Unterzeichnete erlauben, der Kaiserlichen Botschaft einen Bericht ueber diese Zustaende zu uebersenden, so tun sie dies in der Annahme, dass diese der Kaiserlich Deutschen Botschaft nicht in vollem Umfange bekannt sind.

Wir Deutsche, die wir hier jetzt taeglich gezwungen sind, einem unmenschlichen Treiben zusehen zu muessen, fuehlen uns als Mitglieder eines Kulturstaates inmitten eines halb zivilisierten Volkes verpflichtet, dagegen zu protestieren.

In Erwartung, dass unsere Bitte dahin beruecksichtigt wird, dass wenigstens das Los der tausende und abertausende unschuldiger Frauen und Kinder gemildert wird, zeichnen wir


hochachtungsvoll

Willy Seeger, Leiter der Anatolischen Industrie- und Handelsgesellschaft m.b.H. Filiale Konia. Georg Biegel, Mittelschullehrer. Heinrich Janson, Werkmeister. J. E. Maurer, Diplom-Ingenieur.

[Aufzeichnung Mordtmann 24.8.]


zu 4857

I) Herr Rudolf Zabel von der Tägl. Rundschau, der mich am 20. d.Mts. aufsuchte, hat auf seiner Reise von Mesopotamien hierher den Zug der Armenischen Auswanderer bis nach Konia und weiter beobachtet.

Von der Eingabe der Deutschen Konja's besaß er einen Durchschlag.

Er schildert die Art, wie die Verschickung von Westen beginnend sich vollzieht, wie folgt:

Die Transporte werden zunächst nach Konja dirigiert, wo ein größeres Konzentrationslager sich befindet; wer nicht im Stande ist die Fahrkarte zu bezahlen, muß zu Fuß die Wanderung machen;

In Konja veräußern die Meisten ihre Habseligkeiten, dürfen aber nur an Türken verkaufen;

Wohlhabendere hinterlegten ihr Baargeld bei der Banque Ottomane; dies wurde später untersagt und die hinterlegten Gelder von der Behörde beschlagnahmt; so erging es u.A. einem reichen Sarrasen aus Izmid.

Der Armenische Grundbesitz ist von dem Armenischen Bischof von Ismid verzeichnet; das Verzeichnis befindet sich in Händen des Ingenieurs Maurer, der es später hierher mitteilen will.

Die Protestantischen und Katholischen Armenier werden in letzter Zeit verschont; die aus Izmid und Umgebung verschleppten Armenier sind z.Z. in Eskischehir, u. sollen angeblich nach Kintakja wo die Armenier ausgetrieben sind.

Die Unterbringung und Verpflegung der Vertriebenen ist schlecht, es herrscht unter ihnen große Sterblichkeit.

In Eregli ist ein großes Lager (ca. 3000 Menschen); anscheinend sind dort die mit der Bahn Beförderten untergebracht, denn die Leute führen noch eine Menge Sachen mit sich; es herrscht dort ebenfalls große Sterblichkeit.

In E. kommen täglich fünf Bahnzüge, jeder mit 1000 - 1500 Armeniern an; Hr. Zabel hat 8000 zu Fuß treiben sehen.

Ulu Kischla ist eine der schlimmsten Stationen, das dortige Lager war vorher von Arbeiterbataillonen bezogen, mit Unrat, Ungeziefer etc. infiziert; die Lage der Verschickten ist dort sehr elend.

Hinter Ulukirchla hört die Bahnbeförderung auf; die Verschickten werden in einzelnen Trupps wie eine Heerde Vieh weitergetrieben.

Dort beginnen auch die Überfälle von Wegelagerern; von einem solchen Überfall hatte H. Z. sichere Kunde, es waren dabei einige 15 Armenier getötet und verwundet worden.

In Bozanti, der nächsten Station, giebt es weder Unterkunft noch Brot; von dort geht es ohne Aufenthalt 10 km weiter, u. zu einem Barackenlager an der Etappenstraße.

Jenseits Bozanti sieht man keine kräftigen Männer mehr unter den Verbannten, Wagen sind nur wenige für die Bemittelten zu haben, da alle verfügbaren Fahrzeuge vom Militär requiriert sind.

In Adana kommen die Auswanderer vollständig zusammengebrochen an.

Die Etappenstraße Adana - Osmanié - Hamidé wird nur noch zu Fuß zurückgelegt; die Lagerstellen (unter freiem Himmel) sind in fürchterlichem Zustand. Hinter Aleppo hören auch die mannbaren Mädchen unter den Verschickten auf.

Dem Oberstlnt. Klinckhardt wurden in Rasulain von türkischen Offizieren zwei Mädchen angeboten.1

In Kubla ist wieder ein größeres Lager, wo u.A. auch die Armenier aus Dörtjol untergebracht sind.

Von andern Dingen, die Hr. Z. beobachtet, sei erwähnt, daß Azmi bej, der nach Beirut versetzt wurde, kurz vor seiner Abreise von Konja den Befehl gab, den Glockenturm der dortigen armenisch-protestantischen Kirche, die auch von den deutschen Protestanten besucht wird, zu zerstören. Trotz der dringenden Bitte von deutscher Seite wurde der Befehl ausgeführt.

Herr Zabel macht den Eindruck eines nüchternen, unparteiischen Beobachters; er hat viel Material, darunter auch eine Reihe von photographischen Aufnahmen u. Films gesammelt.

Sein Urteil über das Verhalten der türkischen Behörden im Innern lautete vernichtend; u.A. sagte er:

er habe viele Länder in unruhigen Zeiten - während Krieg u. Revolution im Lande herrschte - bereist, aber eine solche Anarchie wie hier habe er nirgends gesehen.

II Am 23. d.Mts. suchte mich Herr von Holbach (Regiebeamter, seit langen Jahren in der Türkei) auf; er war zuletzt in Adana und ist ungefähr gleichzeitig mit Zabel hierher gereist.

Seine Erzählungen von den Leiden der Deportierten stimmen mit dem Berichte des H. Zabel überein.

An Einzelheiten hebe ich hervor:

Die mit der Bahn Beförderten werden z.Z. zu 50 - 60 in Viehwagen gepfercht, die sonst kaum 40 Mann fassen.

In Konja und Adana haben viele Übertretungen zum Islam stattgefunden; bereits in Konja verkaufen viele Armenier ihre Kinder.

Der Handel in Adana wird durch die Armenierverfolgungen schwer geschädigt werden. Der ganze Bazar von Adana ist armenisch. Die Baumwollkultur ist ebenfalls fast ausschlieslich in armenischen Händen; der Handel in diesem Artikel in griechischen Händen.

Hakki bey (Generalstabsoffizier), Vali von Adana, hat sich anfänglich bemüht die Armenier zu schützen, wurde dann nach Konstantinopel berufen, und ist seit seiner Rückkehr nach Adana unerbittlich gegen die Armenier.

Hr. v. Hollbach schloß seinen Bericht mit den Worten:

er sei von jeher durchaus türkophil gewesen; aber nach dem, was er jetzt mit eigenen Augen gesehen, sei er von diesen seinen Sympathien für die Türken gründlich geheilt; jetzt schweige er, aber im gegebenen Momente werde er alles in die Zeitungen bringen.


[Aufzeichnung Mordtmann 24. 8.]


Willy Seeger in Konia, u. d. 19. 8. an Herrn Günther: (Auszug)
bittet bei der Botschaft Schritte für die Verfolgten zu tun.

[Notiz Mordtmann 24. 8.]


Bezüglich Katholiken und Protestanten wiederholte mir Talaat bej gestern seine früheren Zusicherungen; ich erwähnte speziell Punkt 6); Talaat b. bemerkte dazu, daß er die Sache bereits mit H. Günther besprochen. Die Eisenbahnbeamten bleiben, sollen aber allmählich ersetzt werden.


1 Dieser Satz wurde wieder gestrichen.



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