1915-08-17-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon 99/Bl. 1-3
Botschaftsjournal: 10-12/1915/6563
Erste Internetveröffentlichung: 2010 April
Edition: Deportationsbestimmungen
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Generaldirektor der Anatolischen Eisenbahn-Gesellschaft (Günther) an die Botschaft Konstantinopel (Neurath)

Schreiben


Constantinople, den 17. August 1915.

Lieber Herr von Neurath!

Herr Stöckel, Adana, schreibt mir, wie aus einliegendem Durchschlag ersichtlich ist.


Mit freundlichen Grüssen
Ihr sehr ergebener
Günther
Anlage

Abschrift

Adana, den 11. August 1915.

……

Armenische Angelegenheit: Mit grossem Interesse habe ich mir Ihre Ausführungen vom 2. und 3. ds. dienen lassen und wäre es erfreulich, wenn die prinzipielle Garantie der Regierung herausgeholt werden könnte.

Es besteht kein Zweifel, dass es einzig und allein in der Hand der Regierung liegt, ob unsere Ltqs. 16000 komplett zurückfliessen oder nicht. Nur möchte ich nicht als sicher annehmen, dass sich die Regierung nach erfolgter Realisierung auch an diesen Standpunkt hält und nicht einwendet, wir hätten den Leuten zu grosse Kredite eröffnet, was die erzielten Preise zur Evidenz bewiesen. Bei den Türken muss man ja auf alles gefasst sein, ganz besonders, wenn es sich um deren eigenen Geldbeutel handelt.

Wie in unserer Eingabe an das Konsulat hervorgehoben, gilt es, der türkischen Regierung gegenüber den Standpunkt einzunehmen:

1. Wir sprechen uns als Gläubiger der Ausgewiesenen das Recht zu, als vollwertige Mitglieder der Enteignungs-Kommission anzugehören und für den Fall, dass für die Liegenschaften, Häuser etc. Preise in Anrechnung gebracht werden sollen, die u.E. weit davon entfernt sind, den tatsächlichen Verhältnissen zu entsprechen, als Selbstkäufer aufzutreten.

2. Wenn Euer Prestige oder sonstige politische Gründe ein Einmischen unsererseits nicht wünschenswert erscheinen lassen, Ihr vielmehr nach eigenem Gutdünken über das Eigentum der Ausgewiesenen verfügen wollt, so müsst Ihr unsere Guthaben voll garantieren - unbeschadet des Erlöses, den Ihr Euch schliesslich herausrechnet.

Die Ausweisungen kosten der Türkei direkt und indirekt Millionen von Pfunden, denen gegenüber unsere Forderungen nicht die geringste Rolle spielen.

Im Uebrigen scheint die türkische Regierung selbst zu den Ausweisungen keine definitive Stellung genommen zu haben, resp. sie wechselt diese ihre Stellung täglich. Heute fordert sie Hunderte von Familien auf, sich zum Abschub bereit zu halten; morgen nimmt sie die Verfügung zurück; am nächstfolgenden Tage kommen neue Ordres, die sich auf neue Leute beziehen, sie kommen an die Bahn, da werden einige herausgesucht und das Gros wieder heimgeschickt. Der Wali gratuliert heute den Häuptern der armenischen Gemeinde, dass die Ausweisungen zurückgenommen worden wären und morgen ergehen neue Ausweis-Befehle! Kein Mensch weiss mehr, was geschehen soll; ein fürchterliches Chaos ruht über dem ganzen Lande und lähmt alles.



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