1915-03-07-DE-011
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/168
Botschaftsjournal: A53a/1915/1633
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J.N. 226
Zustand: A
Letzte Änderung: 04/22/2012


Der Vizekonsul in Alexandrette (Hoffmann) an den Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim)

Bericht



J.N. 226
Alexandrette, den 7. März 1915

In den letzten Tagen haben bei sämtlichen hiesigen Rajahs Armeniern, Syrern, Griechen auf höheren Befehl (dem Vernehmen nach aus Konstantinopel) Haussuchungen stattgefunden. In einer Anzahl von Häusern wurden Papiere beschlagnahmt, anscheinend nur deswegen, weil sie fremdsprachlich waren. Dasselbe Schicksal hatten Bücher, besonders englische. Eine Verhaftung ist auf Grund des Ergebnisses bisher nicht erfolgt. Soweit ich den Charakter und die Tätigkeit der hiesigen kleinen Bevölkerung bisher kennen gelernt habe, glaube ich auch nicht, dass diese sich landesverräterisch betätigt. Aus diesem Grunde erregte die Massregel auch bei den nicht betroffenen hiesigen fremden Staatsangehörigen Kopfschütteln. Durchgeführt wurde sie übrigens in verbindlichen Formen.

Die Massnahme hängt, wie ich von militärischer Seite höre, mit dem Misstrauen zusammen, das in Regierungskreisen neuerdings gegen die christlichen, besonders die armenischen Bevölkerungsbestandteile Syriens und Ciliciens wohl auch anderwaerts wieder stärker geworden ist und das hier und in der benachbarten Gegend durch kleine Vorkommnisse genährt worden ist. So haben sich z.B. unter den Gendarmen, die, wie gemeldet, bei zwei Landungen des Kreuzers "Doris" in englische Gefangenschaft gerieten, Armenier befunden. Das eine Mal soll der armenische Unteroffizier der sieben Mann starken (mit nicht funktionierenden Martinis ausgerüsteten) Besatzung eines kleinen (ohne rückwärtigen Ausgang angelegten) Schützengrabens das Zeichen der Ergebung mit dem Taschentuch gegeben haben. So naheliegend es ist, dieses Verhalten aus dem Mangel soldatischer Eigenschaften im armenischen Wesen zu erklären, sahen die hiesigen Militärbehörden darin Verrat. Der gemeine Mann wird diesen Eindruck erst recht gehabt haben. Die Folge dieser beiden Vorfälle war denn auch eine panikartige Stimmung unter den hiesigen Armeniern.

Diese hat sich verschärft durch das Vorgehen der Militärbehörden in dem 30 km von hier gelegenen zum Wilajet Adana gehörigen Flecken Dörtjol. Was dort eigentlich geschehen ist, habe ich des näheren nicht feststellen können. Nach Angabe der hiesigen Militärbehörde handelt es sich um eine Razzia, die vor einer Woche dort als einem bekannten Zufluchtsort für Deserteure, Räuber und Unruhestifter vorgenommen wurde. Nach anderen Angaben sollen sämtliche arbeitsfähigen Leute zwangsweise zum Wegebau nach Osmanije abgeführt worden sein. Tatsache ist, dass der Ort militärisch eingeschlossen und der Eintritt sowie das Verlassen nur gegen militärischen Passierschein erlaubt ist.

Bezeichnend für die Stimmung der Armenier gegen Deutschland ist die hier umlaufende Lesart von der Ursache des türkischen Vorgehens gegen Dörtjol. Ein Deutscher, heisst es, habe als Engländer auftretend die Dörfer jener Gegend besucht und den armenischen Einwohnern eröffnet, sie, die Engländer, beabsichtigten eine Besetzung der Gegend; was sie, die Armenier, wohl davon dächten. Die so Befragten hätten "natürlich" geantwortet, ihnen könnte nichts Lieberes geschehen. Das habe der Deutsche darauf den türkischen Behörden angezeigt.

Wenn auch einige Bessergestellte unter den Armeniern diese Lesart für unglaubwürdig erklärten, so wird sie vom Volk zweifellos geglaubt. Es zeigt sich darin wieder einmal, wie tief eingewurzelt das Misstrauen der Armenier gegen Deutschland ist, dessen Freundschaft für die Türken ohne weiteres als Feindschaft gegen die Armenier gedeutet wird. Die vielen Beweise der neuen deutschen "Sympathie" mit den Armeniern sind nach allem, was ich in offenherzigen Unterhaltungen mit hiesigen Armeniern feststellen konnte, ohne "den gewünschten Eindruck" geblieben. Zum Teil war die Absicht auch wohl allzu offensichtlich und das angewandte Mittel ein allzu starker Umschwung, um nicht mit Misstrauen aufgenommen zu werden.

Auch ich habe seit meinem Hiersein mich bemüht, das armenische Misstrauen zu zerstreuen, sei es durch freundlichen Verkehr und private Aussprachen, sei es durch Benutzung von Gelegenheiten zu öffentlicher Rede, wie sie die hier von armenischer Seite abgehaltenen Siegesfeiern, die kirchliche Feier aus Anlass der Tötung armenischer Zivilpersonen durch englische Granaten usw. ergaben. Auch habe ich durch Spenden, Krankenhausbesuche Verwundeter usw. gelegentlich Sympathie zu zeigen versucht. Doch bin ich mir klar darüber, dass das Tropfen auf den heissen Stein des Misstrauens sind.

Eine andere Frage ist, ob Deutschland überhaupt sich um die Sympathie der Armenier zu bemühen braucht.

Abschrift für das Konsulat Aleppo liegt bei.


Hoffmann


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