1915-07-25-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14087
Zentraljournal: 1915-A-23905
Botschaftsjournal: A53a/1915/4569
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 08/13/1915 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 36/J. Nr. Geh. 339
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Konsul in Trapezunt (Bergfeld) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 36 / J. Nr. Geh. 339
Trapezunt, den 25. Juli 1915

Im Anschluss an den Bericht Nr. 35 vom 9.7.15 - J.Nr.Geh. 316 1.

Bald nach dem Abtransport der Armenier aus Trapezunt traten Gerüchte auf, dass ihre Hinmordung bereits begonnen habe, dass der Deïrmendere Fluss, welcher die von ihnen benutzte Strasse von Trapezunt etwa 100 km weit in’s Innere begleitet, an der Mündung und in nächster Nähe der Stadt mit Leichen haufenweise angefüllt sei u.a. Die Erfahrung hat gelehrt, dass die den Türken feindliche Phantasie in Trapezunt die unglaublichsten Blüten treibt. Die Gerüchte wurden daher seitens des Kaiserlichen Konsulats mit grosser Zurückhaltung aufgenommen. Sie verdichteten sich indessen zu derart bestimmten Behauptungen, dass ich mich im Interesse des deutschen und türkischen Ansehens für verpflichtet hielt, die Angaben auf ihre Wahrheit nachzuprüfen. Zur Schonung der türkischen Empfindlichkeit habe ich dem Vali von meinem Vorhaben Kenntnis gegeben, aber so spät, dass die Zeit zur Verwischung etwaiger Spuren von Gewalttaten gegen die Armenier fehlte. Der Vali erklärte sich mit meinem Plan und der Absicht, den amerikanischen Kollegen als neutralen Zeugen mitzunehmen, vollkommen einverstanden. Mit dem Letzteren zusammen habe ich dann am 17. d.M. den Weg längs des Deïrmendere Flusses vier Stunden weit abgeritten. Wir haben dabei eine Leiche gefunden, welche etwa 7 Tage im Wasser gelegen hatte, ein Beweis, dass eine planmässige Beseitigung etwaiger Leichen bisher nicht erfolgt war. Ausserdem begegneten wir drei Arbeitern, welche uns berichteten, am Morgen mit der Absuchung des Flusses und der Beerdigung gefundener Leichen beauftragt worden zu sein. Nach ihren glaubwürdig erscheinenden Angaben hatten sie bisher vier Leichen, darunter eine Frauenleiche, gefunden. Endlich wurde uns von Einwohnern berichtet, dass sie eine Leiche den Fluss hätten heruntertreiben sehen. Dass grössere Haufen Leichen vor unserm Besuch durch die Strömung in’s Meer getrieben worden sind, ist bei dem geringen Wasserstand und der Natur des Deïmendere, welcher in breitem Sandbett, sich häufig in kleine und flache mit Steinen gefüllte Arme teilend, dahinfliesst, ausgeschlossen. Inzwischen ist auch von den am ersten Tage Deportierten Nachricht eingetroffen, dass ihr Transport, welcher der Umfangreichste war, ohne Verlust auch nur einer Person in Erzinghian angekommen ist.

Ich halte danach alle Gerüchte über Übeltaten gegen die aus Trapezunt ausgewiesenen Armenier für unbegründet und möchte annehmen, dass die unterwegs gestorbenen Armenier durch Selbstmord oder Krankheit geendet haben.

Gerüchte über Plünderungen der Deportierten durch die Begleitmannschaften haben sich nicht nachprüfen lassen. Derartige Fälle erscheinen mir nicht ausgeschlossen, andererseits halte ich es aber nach meiner Kenntnis des armenischen Charakters für durchaus wahrscheinlich, dass sie sich durch reiche Geschenke an die Gendarmerie deren besonderes Wohlwollen und kleine Dienste während der Reise haben erkaufen wollen.

Die Missstimmung gegen die Führer des Komitets Einheit und Fortschritt in Trapezunt zieht anlässlich der Ausweisung der Armenier unter den Mohammedanern weitere Kreise. Dass die alten Feinde des Komitets diesen Vorwand zur Erschütterung seiner Stellung mit Freuden aufgreifen, ist erklärlich. Aber auch Anhänger des Komitets missbilligen offen das schroffe Vorgehen gegen die Armenier. Ihre Beweggründe sind verschieden. Der grössere Teil lässt sich durch rein menschliche Gründe leiten. Es kann aber nicht verkannt werden, dass einige Komitetmitglieder ungehalten sind, dass sie selber zusehen müssen, wie die Führer sich aus Anlass der Deportierung die Taschen füllen. Jedenfalls erscheint die Stellung der Führer des hiesigen Komitets stark erschüttert.2

Abschrift dieses Berichts habe ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel eingereicht.


Bergfeld


1A 22559.
2Dieser Absatz sowie der letzte Satz für den Verteiler gestrichen.



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