1916-01-26-DE-004
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Quelle: DE/PA-AA/R14089; BoKon 98/86-90
Zentraljournal: 1916-A-02682
Botschaftsjournal: 10-12/1916/120
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 01/29/1916 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Direktor des Deutschen Hülfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient Friedrich Schuchardt an das Auswärtige Amt

Schreiben



Frankfurt a. Main, 26. Januar 1916

Den mir durch Ihre Vermittlung zugegangenen Bericht unserer Schwestern Beatrice Rohner & Paula Schäfer gestatte ich mir, Ihnen in doppelter Ausführung zu überreichen; da ich nicht weiss, ob Sie von demselben Abschrift zu ihren Akten genommen haben.1

Mit vorzüglicher Hochachtung


F. Schuchardt

Anlagen zu B 11719 (1915) sowie 129 (1916) 1012

Anlage 1

Bericht von Schw. Paula Schäfer vom 16.11.15.


Eben komme ich von einem Ritt durch die Baghtsche-Osmanje-Ebene zurück, wo tausende von Ausgewiesenen obdachlos auf Feldern und Straßen liegen, jeder Willkür irgendwelchen Räubergesindels preisgegeben. Gegen 12 Uhr gestern Nacht wurde ein kleineres Zeltlager überfallen, es waren 50 - 60 Personen. Ich fand Männer und Frauen schwer verwundet, die Leiber aufgeschlitzt, die Schädel eingeschlagen, auch sonst mit Messerstichen entsetzlich zugerichtet. Zum Glück war ich mit Kleidern versehen u. konnte ihre blutigen Sachen wechseln, und sie dann in die nächste Herberge bringen, wo sie gepflegt wurden. Mehrere von ihnen waren von dem enormen Blutverlust schon so erschöpft, daß sie inzwischen wohl gestorben sind. In einem andern Lager fanden wir 30 bis 40 tausend Armenier; ich konnte ihnen Brot verteilen, verzweifelt und halb verhungert stürzten sie sich darauf; mehrere Male wurde ich fast vom Pferde gerissen. Eine Anzahl Toter lag unbeerdigt umher und nur für Geld waren die Gendarmen zu bewegen, sie beerdigen zu lassen. Meist wird es den Armeniern versagt, ihren Toten den letzten Liebesdienst zu erweisen. Schwere Typhusepidemien sind überall ausgebrochen, fast in jedem dritten Zelt lag ein Kranker. Fast alles wird zu Fuß transportiert, Männer, Frauen, Kinder tragen ihre wenigen Habseligkeiten auf dem Rücken; oft sah ich sie unter ihrer Last zusammenbrechen, aber immer wieder wurden sie von den Soldaten mit dem Gewehrkolben, ja sogar mit dem Bajonett weitergetrieben. Ich habe Frauen verbunden mit blutenden Wunden, die von diesen Bajonettstichen herrührten. Viele Kinder hatten ihre Eltern verloren und standen da ohne jeden Anhalt. Zwei Stunden vor Osmanije lagen 2 sterbende Männer absolut verlassen auf dem Felde; sie hatten, nachdem ihre Gefährten weiter gezogen waren, tagelang ohne Nahrung und ohne einen Tropfen Wasser gelegen. Sie waren zum Skelett abgemagert und nur der schwache Atem verriet, daß noch Leben da war. Unbeerdigte Frauen und Kinder lagen in den Gräben. Die türkischen Beamten in Osmanije waren sehr zuvorkommend und ich erreichte viel, manchen Uebelständen wurde abgeholfen. Ich bekam Wagen, um die Sterbenden zu sammeln und in die Stadt zu bringen.

Anlage 2

Bericht von Schw. B. Rohner über einen Besuch im Zeltlager von Mamouré am 26.11.15.


Tausende von winzigen, aus dünnem Stoff angefertigten, niedrigen Zelten, eine unübersehbare Menschenmenge, jeder Stufe des Alters und der Gesellschaft angehörend. Sie sehen uns zum Teil verwundert, zum Teil gleichgültig verzweifelt an. Ein Haufen hungriger, bettelnder Kinder und Frauen heftet sich an unsere Fersen. Hanum, Brot! Hanum, ich bin hungrig, wir haben heute und gestern nichts gegessen! Man braucht nur in die gierigen, blassen, abgehärmten Gesichter zu sehen, um die Bitten bestätigt zu finden. Es konnten ca. 1800 Laibe Brot herangeschafft werden; gierig fällt alles über uns her; die Priester, die das Verteilen besorgen, können sich kaum ihres Lebens wehren. Es reicht lange, lange nicht und kein weiteres Brot ist zu beschaffen. Eine grosse Zahl Hungriger steht bettelnd vor uns; die Gendarmen müssen sie mit Gewalt zurückhalten. Plötzlich kommt der Befehl zum Aufbruch. Wer sein Zelt nicht rasch abbricht, dem wird es mit dem Bajonett heruntergerissen. Drei Wagen stehen bereit und eine Reihe Kamele. Schnell haben sich ein paar Wohlhabende die ersteren gemietet, andere weniger Bemittelte laden ihre Sachen auf das Kamel. Das Jammern der Armen, Alten, Kranken erfüllt die Luft. “Wir können nicht mehr, laßt uns hier sterben!” Aber sie müssen weiter. Einigen können wir wenigstens für ein Tier bezahlen, anderen etwas Kleingeld geben, damit sie sich auf der nächsten Station Brot kaufen können, auch Kleider, auf der Missionsstation in Adana genäht, werden verteilt. Bald bewegt sich der unabsehbare Zug weiter. Zurück bleiben einige der Elendesten und ein paar frische Gräber. 200 Arme, Alte und Kranke sollen dort geblieben sein und es konnte ihnen noch einmal etwas Hülfe gebracht werden. Bei dem Regen und der heftigen Kälte, die darauf einsetzte, ist das Elend hundertfach gestiegen, überall lassen die Karawanen Sterbende, kleine Kinder, Kranke zurück, die elend umkommen. Auch die Epidemie greift immer mehr um sich.


Anlage 3

Bericht von Schw. Paula Schäfer über einen Besuch im Zeltlager von Islahie am 1. 12. 1915


Drei Tage und drei Nächte hatte es geregnet, schon in unseren Häusern empfand man Nässe und Kälte sehr. So bald als möglich machte ich mich auf den Weg. Bei Mamouret waren etwa 200 Familien liegen geblieben; sie konnten nicht weiter, Elend und Krankheit hatten es unmöglich gemacht. Bei dem Regen hatten auch die Soldaten keine Lust gehabt, sie aufzustöbern und weiter zu treiben, so lagen sie, wie in einem See. Die Lumpen von Betten hatten keinen trockenen Faden mehr aufzuweisen. Viele Frauen hatten erfrorene Füße, die Füße ganz schwarz und reif zur Amputation; das Jammern und Stöhnen war entsetzlich. Sterbende in den letzten Zügen, Tote vor den Zelten. Nur gegen Backschisch waren die Soldaten dazu zu bewegen, sie beerdigen zu lassen. Wie eine Erlösung erschien es ihnen, als wir mit trockenen Kleidern kamen, sie konnten sich umziehen, bekamen Brot und etwas Kleingeld. Ich fuhr dann im Wagen die ganze Strecke entlang bis Islahie und obschon ich viel Elend gesehen hatte, hier bekam ich Dinge und Scenen zu sehen, die jeder Beschreibung spotten. Eine kleine Frau saß am Wegrand, auf dem Rücken ein Bett, oben darauf gebunden einen Säugling, in den Armen ein zweijähriges Kind mit gebrochenen Augen in den letzten Zügen. Die Frau war unter der Last zusammengebrochen und weinte zum Herzbrechen. Ich nahm sie mit zum nächsten Zeltlager, wo das Kind starb, dann sorgte ich, daß sie weiter kam; sie war so dankbar! Der ganze Wagen war voll Brot gepackt, ich konnte nur immer austeilen, 3 bis 4 mal gab es Gelegenheit, neues zu kaufen. Diese tausende von Broten waren eine große Hilfe, auch konnte ich zu hunderten Tiere mieten, um sie weiter zu schicken. Das Lager von Islahie selbst ist das Traurigste, was ich gesehen. Gleich beim Eingang lag ein Haufen unbeerdigter Leichen, ich zählte 35, an einem andern Ort 22, gleich dabei die Zelte der Leute, die an schwerer Dysenterie krank lagen. Die Unreinlichkeit in den Zelten und darum herum ist unbeschreiblich. An einem Tage hatte die Toten-Comission 580 Tote begraben. Um das Brot rissen sich die Menschen wie hungrige Wölfe, es gab unerquickliche Scenen. Wie stumpf und blöde starrten mich oft die Aermsten an, als verwunderten sie sich, woher ihnen diese Hilfe kam. Manche Lager werden seit Wochen täglich mit Brot versehen, natürlich geschieht alles so unauffällig wie möglich. Wir sind Gott so dankbar, wenigsten so viel tun zu dürfen.


[Notiz Mordtmann 29.12.]

Anlagen:

1) Schreiben der Schwester Beatrice Rohner an Dir. Schuchardt dd. 15.12.; beigefügt:

Bericht Schwester Paula Schäfer vom 16.11. über Besuch der Armenischen Konzentrationslager in der Baghtschen Osmanie Ebene; desgl. der Beatrice Rohner über einen Besuch im Zeltlager von Mamure am 26.11.; desgl. der Schwester Paula Schaefer über einen Besuch im Zeltlager von Islahié am 1.XII.

2) ein Umschlag enthaltend:

Schreiben der Beatrice Rohner an Mr. Peet (Biblehouse hier) vom 15.12.; von Paula Schäfer „auf dem Wege nach Aleppo“ vom 13.12. betreffen in der Hauptsache die Beschaffung von Geldmitteln für eine Hilfsaktion unter den Armeniern.

Dazu eine Abschrift der unter 1) erwähnten Berichte.

M.u.E. unterliegt es keinen Bedenken die Briefe zu 2) mit der Anlage weiterzugeben; die Zustände in den Armenischen Konzentrationslagern sind aus andern, namentlich mündlichen Schilderungen, hier zur Genüge bekannt; den menschenfreundlichen Zweck zu hindern, liegt kein Grund vor.


[Botschaft Konstantinopel an Reichskanzler 29.12.]


Ew. Exzellenz überreiche ich in der Anlage ein für Herrn F. Schuchardt, Direktor des Hilfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient bestimmtes Schreiben der im Dienste des Hilfsbundes in Marasch tätigen Schwester Beatrice Rohner mit dem Anheimstellen ergebenst, das Schreiben nach Prüfung des Inhalts seiner Bestimmung zugehen zu lassen.

[Beatrice Rohner an Mordtmann 15.12.]2


Verehrter Herr Geheimrat.

Vielleicht interessiert Sie einliegender Bericht, den ich an Ihre werte Adresse sende mit der Bitte ihn gütigst weiterbefördern zu wollen. Wenn sich in Aleppo unter der Hand etwas thun lässt, wollen die Amerikaner mit ihrer Rockfellerfoundation auch helfen.

Ist es gar nicht möglich für 2 deutsche Schwestern, offizielle Erlaubnis zu bekommen zur Rotkreuz Arbeit unter diesem Massenelend? Wenn Sie uns Antwort auf diese Frage an das Deutsche Consulat Aleppo schicken wollen, sind wir Ihnen zum grössten Dank verpflichtet. Dass über Politik etc. kein Ton verlauten wird, können wir garantieren.3

Mit Hochachtung grüsst Sie ergebenst Ihre


Beatrice Rohner.

On the Way to Aleppo. Dec.13.1915 [Der Bericht liegt nur in englischer Fassung vor]


I should have written long before this – but during these last weeks I was more on the way than at home, and the work in the camps was often so urgent that I could not find time for anything else. I suppose you have got in the meantime the receipt for the 200 liras you sent me. Many thanks for the quick response. I only wish you could see these poor people yourself; you would get an impression of the most dreadful need and distress that are hidden in these camps. It is simply indescribable, one must have seen it. So far I have had no difficulty what so ever, on the contrary, the officials here are most obliging and grateful for everything we are doing for the poor. You will find some enclosed reports which Miss Rohner copied for you also, they will give you an idea of what we are doing here. Up to the present we have worked in four camps, 12 hours distant. We often could distribute for about 10 – 20 liras bread every day, besides this we gave flour, clothes and Nirra to many ill people for the long journey. Sometimes it happened that in some places we did not have nearly enough bread – in that case we provided the people with money in order to buy bread at the next oven on the route.

Now we are on our way to Aleppo, Miss Rohner will stay there for some weeks D.V. to prepare everything for another journey to Der-Vor (?). I intend to come back soon since there is still much work to do on the route Mamoure-Islahie and it seems to me we ought not to give up the work among the distressed as long as anybody of them is left in this place, because they would absolutely die of starvation. According to our last experience we shall need about 300 – 400 liras in a month. Dr. Shepard told me to send to you word about this because I should get the money from you. It would be better not to stop the work for lack of money, because the poor would suffer by it. If however you think that less money ought to be spent, or the whole work should be given up, please send me a telegram in time so that we may stop the affair. If not will you please be so kind to send me the amount of money through the Deutsche Orient Bank in Adana. I do not like to telegraph for it every time, because it might attract too much attention. If you should prefer to settle this matter in a different way, will you please inform me of it. Today I have asked you by wire to send me 400 liras, 200 for Mamoure, 200 for Hassanbekli [Hassan-Beyli].

I hope you are well. We got message that Dr. Sheppard is ill with typhus. I hope that God will soon give him new strength.

With best wishes from me and Sister Rohner I always remain, Yours faithfully


[Paula Schäfer.]


1An Botschaft Konstantinopel am 3. 2. 1916 (Nr. 79) weitergeleitet.
2Anmerkung Mordtmann: Eing. 27.12. pm. auf mir unbekanntem Wege, nicht mit der Post, mit den Anl.
3Anmerkung Mordtmann: Nicht recht verständlich.



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