1915-06-30-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/170
Botschaftsjournal: A53a/1915/4217
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Katholikos der Armenier in Kilikien Sahak II an den deutschen Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim)

Schreiben



Aleppo, den 30. Juni 1915

Sehr geehrter Herr Botschafter!

In den 66 Jahren meines Lebens ist es das erstemal, daß ich an einen Botschafter schreibe, nicht als an einen Fremden, sondern als an den geehrten Vertreter des dem türkischen Reiche befreundeten und verbündeten deutschen Reiches.

Mein Schreiben ist weder eine Klage, noch eine Bitte, denn ich sehe es als meine Schuldigkeit an, Klagen u. Bitten allein unserer gütigen Regierung zu schreiben; denn als türk. Untertanen können wir uns mit unsern Schwierigkeiten nur an die Osman. Regierung wenden.

Persönliche Schwierigkeiten drücken mich nicht. Im Gegenteil genieße ich das Vertrauen der Regierung u. meine Treue ist bestätigt durch die beiden höchsten Orden Medjidié u. Osmanié, u. durch meine hohe religiöse Stellung als Katholikos von Cilicien.

Das falsche Urteil, welches hier u. da verbreitet ist, als ob die Armenier den Erfolg der deutschen Macht nicht wünschen, ist der Grund meiner Traurigkeit u. Verwunderung.

Welchen Einfluß sollte dieser Wunsch der Armenier, wenn er wirklich vorhanden wäre, auf die starke u. unbezwingliche Macht der Deutschen haben, die von der ganzen Welt u. sogar von den Feinden so sehr bewundert wird!

Welchen Wert hätte das Lob der Armenier, über die weit vorgeschrittene Bildung u. Wissenschaft der Deutschen!

Der Armenier, der seit Jahrhunderten unter dem hohen Schutz der Osmanen gelebt hat, verdankt das bisherige Dasein seiner Religion u. Sprache, ihm allein. Er hat von Fremden keinerlei Hoffnungen bekommen, daß er sich ihnen verbünden sollte, oder im entgegengesetzten Falle sich ihnen widersetzte. Das ist die aufrichtige Meinung jedes civilisierten Armeniers.

Wenn die Religion ein Band zwischen Nationen u. Völkern bindet, so sind die Deutschen ebenso Christen, wie die Armenier auch. Und hauptsächlich haben es die Deutschen andern Völkern voraus, daß sie nicht im Dunkeln arbeiten, sondern das Licht ihrer Religion frei leuchten lassen.

Da die Menschenliebe schwache Völker mit starken verbindet, kann ich sagen, daß sowohl in Anatolien, wie in Cilicien Armenier es sind, welche am meisten die Wohltätigkeits- und Erziehungsanstalten der Deutschen genießen. Auch die Universitäten Deutschlands nehmen gern junge Armenier auf, die wissensdurstig hinkommen. Von dem Vorteil der Bagdadbahn in Cilicien sind die Armenier nicht ausgeschlossen.

Als seine Majestät Kaiser Wilhelm II. König von Preußen Palästina besuchte, war ich dort Bischof, u. hatte die Ehre, im deutschen Konsulat, durch unsern Patriarchen seiner Majestät vorgestellt zu werden. Und nochmals hatte ich die Ehre den Majestäten mit Gefolge bei einem Besuche in unserm Kloster St. Jakobus die dort befindlichen altchristlichen Bücher und Antiquitäten zu zeigen; und das ganze armenische Volk war den Majestäten für diesen Besuch in Dankbarkeit verbunden. Wie dieser Besuch in meinem Herzen versiegelt ist, ist er es auch in dem Herzen jedes Armeniers. Die Hauptstadt Deutschlands, Berlin, ist den Armeniern lieber als ihr Geburtsort. Die Armenier, die an die Deutschen gebunden sind, durch die Humanität, Civilisation, Erziehung, Religion u. Wohltätigkeit des deutschen Volkes, sind nicht so gemein, um undankbar zu sein.

Wie schon oben erwähnt, hat das gute oder böse Urteil der Armenier keinen Einfluß auf die Macht und Herrlichkeit des siegreichen deutschen Volkes. Aber der weit verbreitete Verdacht der auf den Armeniern ruht, macht unserm unglücklichen, sterbenden Volke eins der größten Schmerzen.

Hoffend, daß Euere Excellenz, der Wahrheit meines Schreibens Glauben schenken, bitte ich durch Euerer Excellenz großen Einfluß diesen Verdacht, der der größte unter unsern vielen Schmerzen ist, von uns zu lenken.

Wir bitten Euere Excellenz wie bisher, so auch weiter fortzusetzen für uns einzugreifen. Wir beten für Euer Excellenz und der Frau Gemahlin wertes Leben, für die Osman. Regierung u. das ihr verbündete mächtige Kaiserreich.


Katholikos der Armenier in Cilicien
Sahag II

[Notiz der Botschaft 14. 7.]


U. R. Dem kaiserlichen Konsulat in Aleppo zur gefl. Kenntnisnahme und mit dem Ersuchen, dem Katholikos für den Ausdruck seiner Gesinnungen mündlich danken zu wollen.

[Notiz Rößler 10. 8.]


Der Kaiserlichen Botschaft Konstantinopel nach Ausführung des Auftrages gehorsamst zurückgereicht.



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