1915-08-26-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon 96/Bl. 194-197
Botschaftsjournal: 10-12/1915/6956
Erste Internetveröffentlichung: 2010 April
Edition: Deportationsbestimmungen
Telegramm-Abgang: 08/26/1915
Telegramm-Ankunft: 08/30/1915
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Bagdadbahn-Ingenieur Heinrich Janson an die deutsche Botschaft Konstantinopel

Schreiben



Konia, 26.VIII. 14 [muß 15 heißen, denn der Brief ist am 30. August 1915 in der Botschaft eingegangen.]

Gesuch vorgelegt von Heinrich Janson, Ingenieur Werkmeister der anatolischen Eisenbahnen, wohnhaft zu Konia-Depot, um Schutz seiner Erbschaftsinteressen und um Schutz seines Schwiegervaters Agop Garabed bisher wohnhaft in Eski-Chehir.

Ich, Heinrich Janson, Ingenieur, Werkmeister der anatolischen Eisenbahn stationiert in Konia erlaube mit ganz untertänigst der hohen Kaiserlichen Botschaft folgendes zu unterbreiten.

Ich habe mich am 17. August cr. morgens 11 Uhr hier in Konia durch Vermittlung des amerikanischen protestantischen Pastors mit Fräulein Alice Garabedian gebürtig in Eski-Shéhir nottrauen lassen, nachdem ich etwa 6 Monate verlobt war. Der Grund für die Nottrauung war der Ausweisungsbefehl der Armenier, durch den auch die Familie meiner damaligen Braut getroffen war. Ich habe inzwischen bei dem mir zuständigen Consulat in Constantinopel die weiteren Schritte eingeleitet um meine Ehe gesetzlich bestätigen zu lassen. Hierdurch habe ich meine Frau davor bewahrt, eine Reise ins Ungewisse antreten zu müssen und halten auch vorläufig meine Schwiegereltern sich in meinem Hause auf, um deren Schutz ich auch bereits durch meine Direction eingekommen bin und um den ich auch bei der hohen Kaiserlichen Botschaft bitte, wenn eine Möglichkeit dafür vorhanden ist. Ich tue dies auch aus materiellen Interessen, da meine Schwiegereltern vermögend sind und auch mehrere schöne Liegenschaften und Häuser in Eski-Chéhir besitzen, die mir als Mitgift meiner Frau zum Teil schon bei der Verlobung versprochen waren.

Ich sehe mich nun, da scheinbar das Eigentum der ausgewiesenen Armenier beschlagnahmt oder minderwertig verschleudert werden soll in meinen Interessen ausserordentlich geschädigt und wende mich daher an die hohe Kaiserliche Botschaft mit der Bitte im gegebenen Augenblick auch meine Interessen wahrzunehmen, denn ich bin überzeugt, dass noch viele Deutsche persönlich oder geschäftlich durch diese Massregel der türkischen Regierung geschädigt sind, was, wie ich annehme, nicht in deren Absicht lag, besonders mit Rücksicht auf unser freundschaftliches Verhältnis mit der Türkei. Ich glaube daher auch keine Fehlbitte getan zu haben, wenn ich in vorliegendem Schreiben ganz untertänigst um Berücksichtigung meiner Angelegenheit ersuche. Im Bedarfsfalle können die Liegenschaften alle einzeln angegeben werden, ich weiss jedoch, dass man in Eski-Chehir sehr genau darüber informiert ist, was das Eigentum des Kaufmanns Agop Garabed ist, da er zu den reichsten Leuten am Platze zählte. Es wäre mir selbstverständlich lieber, wenn es ermöglicht werden könnte, dass mein Schwiegervater wieder nach Eski-Chehir zurückgehen könnte, sodass auch seine Familie gerettet wäre und nicht nur sein Eigentum.

Mein Schwiegervater hat daher auch als 25jähriger Vertreter eines oesterreichischen Hauses (Heinrich Bäumel, Wien), für das er in Eski-Chehir Waaren im Werte von 2500 türk. Pfund liegen hat, das oesterreichisch-ungarische Konsulat um seinen Schutz gebeten im Interesse seiner Firma. Vielleicht gelingt es in Gemeinschaft mit dieser Behörde erfolgreiche Schritte zu tun und zwar noch ehe evtl. die türkischen Behörden anderweitig verfügen.

Ich bitte daher nochmals ganz ergebenst um gütige Berücksichtigung meiner Angelegenheit und bin auch gerne bereit ausser den bedingten Unkosten (auch) evtl. noch die Reise eines bevollmächtigten Beamten nach hier oder Eski-Chehir zu tragen, wenn dadurch die Herausgebe des Eigentums meiner Frau oder die Rettung meiner Schwiegereltern erreicht werden kann.

In der Hoffnung dass mein Gesuch durch die hohe Kaiserliche Botschaft in wohlwollender gütiger Weise seine Berücksichtigung finden wird zeichne ich


Heinrich Janson

Einliegend Porto für Rückantwort.


[Botschaft an Janson 13. 9.]

Zu meinem Bedauern ist die Kaiserliche Botschaft nicht in der Lage die nachgesuchte Verwendung für die Angehörigen der Ihnen kürzlich angetrauten Alice Garabedian eintreten zu lassen, so lange die Eheschließung nicht auch standesamtlich beurkundet ist. Inzwischen stelle ich Ihnen anheim, falls dort oder in Eskischehir eine besondere Kommission zur Verwaltung und Liquidation der armenischen Vermögensmassen eingesetzt ist, bzw. eingesetzt werden soll, Ihre Ansprüche auf die Ihrer Braut als Mitgift ausgesetzten Grundstücke bei dieser Kommission anzumelden.

Übrigens höre ich, daß der neue Vali von Konja, Djelal bej, ein human gesinnter Beamter ist und dürften direkte Schritte bei ihm, um den Eltern Ihrer Braut die Erlaubnis wenigstens zum vorläufigen Verbleiben in Konia zu erwirken, nicht ohne Aussicht auf Erfolg sein.


N[eurath]



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