1915-06-29-DE-005
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon 96/Bl. 66-68
Botschaftsjournal: 10-12/1915/6278
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Bericht eines Arztes des deutschen Rot-Kreuz-Lazaretts in Ersindschan

Schreiben



Abschrift

Vertraulich!

Etwa am 1. VI. wurde in Erzindjan bekannt, dass einzelne armenische Familien ausgewiesen werden sollten, zuerst hiess es fünf, dann 150, schliesslich hiess es: alle Armenier müssen heraus. Gleichzeitig wurden hier in der Gegend Lager armenischer Familien aus der Gegend von Erzerum gesehen, die auf freiem Felde lagerten und von Gendarmen bewacht wurden. Einer unserer Sanitäter, Gehlsen, wollte mit den Leuten reden, es wurde ihm aber verboten, mit ihnen zu sprechen. In den nächsten Tagen wurde die Lage deutlicher: Die Armenierinnen sassen allenthalben vor den Häusern und boten ihren gesamten Hausrat feil. Alles ging für ein Spottgeld weg. Bauern und Kurden drängten sich im Armenierviertel und schleppten Eselslasten voll Hausrat weg, dazwischen gingen hochbeladene Ochsenwagen. Offenbar kamen die Käufer aus dem weitesten Umkreis der Stadt. Am 10. VI. änderte sich das Bild. Die Stadt wurde leer. Im Armenierviertel standen überall bewaffnete Posten. Aus den Häusern kamen die Armenierinnen mit Eseln, Hausutensilien und Kindern und zogen in kleinen Karawanen ab. Da die Männer meist als Arbeitssoldaten eingezogen sind, herrschte das weibliche Element vor. Auch Kranke und uralte Weiber sah man davonhumpeln. Ausnahmen wurden nicht gemacht: Die Frau eines unserer Soldaten, die an Flecktyphus halb bewusstlos dalag, wurde am 11. VI. auf ein Pferd gesetzt, trotzdem ich in einem energischen Attest erklärt hatte, der Transport bedeute den Tod der Frau. Am 12. VI. ging die zweite Hälfte weg, und seitdem ist das Armenierviertel leer, alle 10 – 20000 Einwohner (ungerechnet die Bewohner der armenischen Dörfer) sind weg. Soweit ging alles ganz geordnet zu, wenigstens soweit man von aussen sehen konnte. Auffallen musste nur, dass man nichts genaues über das Ziel der Reise hörte; Arabien wurde genannt, das südliche Kurdistan, etc. Nun wissen wir aber, dass das Reisen in Anatolien auch für vermögende Leute mit Pferden nicht leicht ist und eine kräftige Konstitution verlangt. Dass ferner es oft schwer wird, in den kleinen Dörfern am Wege Nahrung für 20 Leute zu finden. Wie will man also 20000 oder mehr Frauen, Kinder und Greise in der Sonnenglut wochenlang beköstigen, von Quartier gar nicht zu reden. Ich glaubte nie ernstlich an die Absicht der Regierung, dies zu tun. Folgendes mag darauf hindeuten, welches in Wahrheit der betretene Weg war: Schon in dem Beginn der Vertreibung erklärte ein türkischer Arzt uns, die Kurden würden sich wohl die Gelegenheit zu Raub nicht entgehen lassen. Bereits am 11. VI. hiess es, einzelne Frauen seien zurückgekommen und hätten erklärt, sie seien des Nachts überfallen worden. Am 12. VI. früh sah Apotheker Gehlsen, der der türkischen Sprache mächtig ist, ein Pikett von 20 Soldaten abrücken. Er fragte einen ihm bekannten Soldaten nach dem Ziel der Expedition. Der erklärte: Sie sollten in die Schlucht von Kemach. Dort hätten Überfälle auf die abziehenden Armenier stattgefunden. Gestern Abend kam das Piquet zurück, und Gehlsen suchte zu erfahren, was es gegeben habe. Er tat sehr anti-armenisch, und so erfuhr er, man habe in der Schlucht einen Trupp armenischer Frauen und Kinder umstellt, und auf Befehl sei alles niedergemacht worden. Es haben ihnen leid getan, auf die hübschen, jungen Frauen zu schiessen, aber es sei ja so befohlen gewesen. Viele Frauen hätten ihre Kinder in den Fluss geworfen, andere Kinder hätten die Türken mitgenommen, um sie im Islam zu erziehen. Die Frauen seien nicht weggelaufen, sie hätten alle auf den Knien gelegen. G. liess plötzlich die Maske fallen und drohte dem Soldat mit Anzeige, falls nicht jedes Wort wahr sei. Der Soldat hielt trotzdem alle Mitteilungen aufrecht. Er gab die Zahl der in seiner Gegenwart Gemordeten auf 3000 an und erklärte, nur wenige seien in die Berge entkommen, aber die Kurden wüssten schon Bescheid! Die Lokalität, wo sich dies abspielte, ist sehr geeignet für solche Dinge. Es ist die Schlucht, durch die der Euphrat westlich die Ebene von Erzindjan verlässt. Dort geht die Strasse kilometerweit stets den Fluss entlang, senkrechte Felswände machen ein seitliches Entkommen unmöglich. Am linken Euphratufer liegt ein wüstes, von räuberischen Bergkurden bewohntes Gebiet (Dersim). Geschieht dort etwas, so kann man stets die Kurden beschuldigen!

pp.

So kam es, dass in zwei Stunden Entfernung vom Sitz einer deutschen Roten-Kreuz-Mission ein Massaker stattfinden konnte, ohne dass diese etwas dagegen unternehmen konnte.

Dass Massaker stattgefunden haben, muss die Regierung zugeben. Sie schiebt aber die Schuld auf die Kurden und erklärt, sie habe sogar Truppen zum Schutz der Armenier hingeschickt. Demgegenüber die Aussage des Soldaten! Dass auch sonst die Stadt von Gerüchten über das Massaker schwirrt, brauche ich kaum zu erwähnen. Sollte das Massaker Teile des Zuges der Vertriebenen verschonen, so werden Seuche, Hitze und Kurden dafür sorgen, dass nicht allzu viele übrig bleiben.

Unsere psychische Lage ist entsetzlich: Wir müssen infolge des Bundesverhältnisses alles das mitansehen, ohne etwas anderes tun zu können, als Berichte zu verfassen.

Es muss, um meinen Standpunkt genau festzustellen, gesagt werden, dass auch ich im militärischen deutschen, wie türkischen Interesse strenges Vorgehen gegen die Armenier für nötig halte. Es ist keine Frage, dass jeder Armenier unter den obwaltenden Bedingungen bei erster Gelegenheit zu den Russen übergehen würde. Der Rücken der Armee, die Etappe muss sicher sein. Auch sollen die Armenier in dem revoltierenden Gebiet Wan und an anderen kleineren Orten (Karahissar) fürchterlich gegen die Moslim gewütet haben.

Trotzdem ist das jetzige Wüten der Türken gegen die Armenier derart, dass es sich fragt, ob der Aufenthalt einer deutschen Roten-Kreuz-Expedition noch angebracht ist in einer Gegend, wo jede humanitäre Bestrebung ein Hohn ist. Wozu sollen wir z.B. die bei uns liegenden armenischen Arbeitssoldaten heilen, wenn sie doch bald nach der Entlassung getötet werden könnten?

Wäre da nicht eine Versetzung der Expedition an die Dardanellen besser?

Wenn ich sehr für eine Versetzung der Mission bin, so ist der Grund für diese Ansicht weniger der, daß die Lage der Expedition mit ihren 7 weiblichen Mitgliedern gefährlich wäre, sondern das Bewusstsein, dass Vorgänge wie die geschilderten unter den Augen einer ohnmächtigen deutschen Abordnung nicht zur Hebung des deutschen Ansehens beitragen werden. Ich hoffe, wir werden abberufen. Ich kann aber nur privatim dafür eintreten.

pp.

Mag sein, dass all dieses über den allgemeinen Opfern des Weltkrieges fast verschwinden wird, mag sein, dass die vielen Armenierfreunde in der Welt aus den Ereignissen, die ich geschildert habe, dermaleinst eine grosse Bewegung herleiten werden. Meine persönliche Ueberzeugung ist die, dass die hier betriebene Behandlung der Frauen und Kinder schlimmer ist, als alles was die Greuelregister beider Parteien des Weltkrieges bisher aufzubringen versuchten. Unsere Vertretung in Konstantinopel ist fraglos über die Ausweisungsmassnahmen im allgemeinen informiert, sie kann aber bisher die Einzelheiten nicht wissen und wüsste sie sie, so wäre sie ausserstande die lokalen türkischen Behörden genügend zu beeinflussen. Was unsere Expedition angeht, so gäbe es eine Lösung: Unter geeignetem Vorwand Versetzung von dieser kompromittierten Gegend an einen anderen Kriegsschauplatz. Doch sind über diesen Punkt die Mitglieder der Expedition nicht einer Meinung, auch wäre der Lazarett-Transport ungeheuer schwer, so werden wir wohl aushalten müssen.

pp. Als Ergänzung zu meinen Berichten füge ich gerechtigkeitshalber alles das hinzu, was die türkischen Behörden zu unserer Kenntnis brachten über die Veranlassung zu den getroffenen Massnahmen. Ich erkläre im voraus, dass dieses Material nicht den springenden Punkt trifft. Niemand hat gezweifelt, dass gegen die Armenier auch ungewöhnlich schwere Massregeln am Platze waren. Das Vorgehen gegen Weiber und Wehrlose wird dadurch nicht entschuldigt. Ich gebe die Angaben des Mutessarif kommentarlos wieder:

1. Die Provinz Wan ist durch einen armenischen, ungeheuer blutigen Aufstand den Russen ausgeliefert worden. Alle Türken, ohne Schonung des Alters und Geschlechts wurden ermordet, ebenso der Direktor der österreichischen Bank. (aus anderer Quelle).

2. In Karahissa fand ein ebenso blutiger wie hinterlistiger Aufstand statt; z.Z. wird die Stadt von Armeniern gegen Militär und Artillerie verteidigt.

3. Man hat Anweisungen gefunden, in derselben Weise wie in Karahissa am 28.VI. (gestern) hier einen Aufstand zu unternehmen. Als erste Ziele waren die grossen Kasernen rings um die Stadt angegeben, also auch unser Lazarett. Die Anweisungen gingen von den armenischen Comitees aus.

4. Man hat ca. 300 meist neue Karabiner gefunden und glaubt, dass noch mehr Waffendepots aufgedeckt werden.

5. Man hat entdeckt, dass unter dem ganzen Armenierviertel unterirdische Gänge laufen, die die Häuser untereinander verbinden und die bis in die Gegend des Regierungsgebäudes vorgetrieben sind. Wir haben die Einstiegslöcher in mehreren Häusern besichtigt und uns vom Vorhandensein der Stollen überzeugt. Das System wird aufgegraben, da noch bewaffnete Armenier drin stecken, die bereits auf mehrere Leute geschossen haben. (Ein Verwundeter und 1 Toter bei uns.) Das Alter der Gänge ist unbestimmbar, jedenfalls nicht ganz neu.

6. Im Keller der Küche hat man Bomben entdeckt; beim Versuch sie zu entfernen (oder vielleicht aus Furcht sie wegzunehmen) brachte man sie zur Explosion. Dass die Küche völlig zerstört ist durch eine grosse Explosion, haben wir selber uns genau angesehen.

Solltest Du meine ersten Berichte weitergegeben haben, dann lasse gerechtigkeitshalber auch die heutigen Ergänzungen an die selbe Stelle gelangen.

[Der Bericht ist vermutlich ein Brief des deutschen Arztes Dr. Neukirch an seinen Bruder]



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