1915-07-28-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/170
Botschaftsjournal: A53a/1915/4421
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 07/28/1915
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Thora von Wedel-Jarlsberg an den Botschaftsrat in Konstantinopel (Neurath)





Abschrift. [ein ausführlicherer, im Wortlaut abweichender Bericht findet sich als Anlage in Dok. 1915-08-21-DE-001]
Anfang Juni ds. Js. teilte uns Stabsarzt Dr. Colley mit, dass die Armenier in Wan Aufruhr gemacht hätten und infolgedessen die armenischen Bewohner der Erzingjan-Gegend in Konzentrationslager nach Mosul gebracht werden sollten. Es würden keine Progrome stattfinden, sondern alles sollte in durchaus gesetzlicher Weise vor sich gehen. Den Angehörigen der Rote-Kreuz-Mission wurde untersagt, mit den durchziehenden Ausgewiesenen zu sprechen. Weitere Spaziergänge und Ausflüge zu Pferde waren auch verboten, weil nach Aussage des dortigen Mutessarifs eine Kugel fehl treffen könnte. Die Armenier in Erzingjan bekamen einige Tage Zeit, um ihre Sachen zu verkaufen, die natürlich zu Spottpreisen verschleudert wurden.

Juni fingen die Ausweisungen an. Der erste Zug, bestehend hauptsächlich aus Wohlhabenderen, die sich Wagen mieten konnten. Von diesen wird behauptet, dass sie Charput erreichten und von dort aus telegraphiert hätten. Am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag gingen weitere Züge ab, im ganzen von Erzingjan allein 20 - 25000 Personen. Gleich nach der Ausweisung hiess es, dass die Kurden die Ausziehenden überfallen hätten und sie völlig ausgeraubt. Unsere türkische Köchin erzählte uns dies unter Tränen. Daraufhin wurde von der Regierung Truppen nachgeschickt, um die Kurden zu bestrafen. Während nun die Kurden die Höhen besetzt hielten, griffen die Truppen von hinten die wehrlose Schar an, die fast ausschliesslich aus Frauen, Kindern und Greisen bestand und machten ihnen den Garaus. Sämtliche Militärpflichtige mussten ja Dienst tun, auch nachdem ihre Familien in den Tod geschickt waren. Nach Aussage von Soldaten an die Unterzeichneten war es die 86. Kavalleriebrigade, die diese ruhmvolle Tat vollbrachte. Freitag, 13. Juni von 11 - 3 Uhr. Sie erzählten, wie die Frauen sich auf die Knie geworfen hätten oder ihre Kinder in den Eufrat geschleudert; einer sagte: jazyk! es war ein Jammer, ich konnte nicht schiessen, ich tat nur so.“ Sie erzählten auch, wie Ochsenwagen bereit gewesen wären, um die Leichen zum Fluss hinunterzufahren und die Spuren des Geschehenen auszuwischen. Am Abend konnte man die Soldaten mit Beute beladen nach Hause kommen sehen. Zwei jungen armenischen Lehrerinnen gelang es zu entkommen, indem sie sich während des Mordens tot stellten und später nach Erzingjan zurückschlichen, wo sie in moslemischen Häusern aufgenommen wurden. Sie sagten, dass das Massakre schon Donnerstag Abend durch die halbregulären Truppen eines gewissen Talaat Bey verübt worden sei. Vielleicht fanden zwei verschiedene Überfälle statt.

Jetzt kamen fortwährend Züge von Ausgewiesenen an aus der Gegend von Erzerum und Baiburt; alle wurden sie nach dem Kunagh Boghasy gebracht und dort von einem hohen Felsen mit gebundenen Händen in den Eufrat gestürzt, um auf diese Weise nach Arabistan gebracht zu werden. Diese Art zu töten hat man wohl später als die billigste und für den Mörder leichteste erkannt. Die Männer, die nicht Soldaten waren, wurden vorher abgeschlachtet. „Kesse kesse getiriorlar“ sagte uns ein Gendarm und beschrieb uns, wie die Frauen, die manchmal 8 Tage unterwegs sein mussten, ehe sie den Ort der Hinrichtung erreichten, bei jedem Dorf geschändet und geplündert wurden, während den kleinen Kindern der Schädel eingeschlagen wurde, wenn sie das Vorwärtskommen hinderten. Der uns später begleitende Gendarm erzählte uns, er habe einen solchen Zug von 3000 Frauen und Kindern von Mama Chatum nach Kunagh B. gebracht. „Lep gitdi bitdi“. Auf unsere Frage, weshalb sie sie nicht gleich in ihren Dörfern töteten, sondern sie so namenlosen Qualen aussetzten, kam die Antwort: „So ist es recht, sie müssen elend werden. Und, was sollen wir mit den Leichen machen, sie würden ja stinken!!“ Ein Schuster, der als solcher seine Soldatenpflicht tat im R. Kreuz Hospital, sagte zu Schwester Eva: „Ich bin 46 Jahre alt. Jedes Jahr ist für mich Bedel gezahlt worden und ich muss doch dienen. Nie habe ich mich mit Politik abgefasst und nun führt man meine ganze Familie fort, ich weiss nicht wohin, meine alte 70jährige, kummergebeugte Mutter, meine Frau und 5 Kinder.“ Er jammerte besonders über sein 11/2 j. Töchterchen. „Wie eine Schlange würde ich ihr auf dem Bauche nachkriechen, wenn ich könnte“ sagte er und weinte wie ein Kind. Am anderen Tage kam derselbe Mann, still und gefasst: „Jetzt weiss ich es, sie sind alle tot.“ Die Türken sagten, dass auch er und die anderen bald getötet werden sollten. Man kann es für sie nur hoffen.

Und wie verhielten sich nun die Deutschen in Erzingjan zu diesen Geschehnissen?

Die Unterzeichneten glauben eine schwere Anklage gegen H. Stabsarzt Colley erheben zu müssen, da durch sein Verhalten Türken und Armenier den Eindruck gewinnen mussten und auch gewannen, dass Deutschland diese Greuel billige. Als die ersten Gerüchte von Metzeleien laut wurden, sagte Schw. Eva zu dem türkischen Verwaltungsoffizier des Hospitals und zwar als Antwort auf eine frivole Äusserung desselben: „Verbrechen an Frauen und Kindern wird Gott strafen.“ Der Offizier, Kjiamzim Bey, beschwerte sich sofort bei Dr. Colley. Als wir diesem mitteilten, dass wir gern die Ausgewiesenen, deren täglich neue Scharen ankamen, nach Charput begleiten wollten, um sie womöglich zu schützen, sagte er: „Es ist mir lieb, dass sich unsere Gedanken begegnen, ich könnte nach dieser Äusserung dem Mutessarif ja nicht in die Augen sehen, wenn Sie hier blieben. Ich schreibe ihm heute noch, dass Sie gehen, aber Sie können bleiben, bis Sie alles geordnet haben betreffs Ihrer Reise.“ Er sagte, dass er als Privatmann sehr diese Greuel bedaure, aber als Leiter der Mission habe er höhere Interessen und werde keinen Finger rühren in der Sache. So hat er es zugelassen, dass die Familien der im Hospital angestellten Armenier mit weggeschickt wurden, trotzdem Dr. Neukirch ohne Colleys Willen dagegen Protest einlegte; er hat auch nichts gemacht, als eine arme Frau, die in seinem Stalle Zuflucht gesucht hatte, mit Gewalt herausgeholt wurde, allerdings in seiner Abwesenheit. Die Herren Stoeisle und Neukirch haben ihn dann gezwungen, an die hiesige Botschaft zu telegraphieren, da sie sich schwer in ihrem Gewissen bedrückt fühlten, aber ohne Dr. Colley machtlos waren. Zu dessen Entschuldigung muss gesagt werden, dass er weder die Sprache noch das Volk kannte und den Türken glaubte wie seinen Landsleuten, ja noch mehr. Darum glaubte er auch zuerst an die Lügen der Behörden, die ihm weis machten, dass für die Ausgewiesenen aufs beste gesorgt sei und sie unter militärischer Obhut ganz sicher seien.

Wir telegraphierten an den deutschen Konsul in Erzerum, der uns schon vorher sehr freundlich geholfen hatte und auch von den Armeniern gerühmt wurde. Er antwortete, dass wir die nach 4 - 5 Tagen ankommenden österreichischen Offiziere abwarten sollten, um mit ihnen zusammen zu reisen. Am Abend gingen wir vor dem Hospital spazieren mit Herrn Gehlsun, dem Apotheker, der ebenso entrüstet war wie wir, während die anderen deutschen Pfleger und Schwestern sich fast völlig gleichgültig verhielten. Die deutschen Ärzte waren zu einem Gartenfest bei einem türkischen Offizier eingeladen. Unterwegs begegnete uns ein Gendarm, der uns erzählte, dass 10 Minuten vom Hospital ein Zug von Ausgewiesenen Rast halte für die Nacht. Am folgenden Morgen früh hörten wir, wie sie vorübergetrieben wurden. Wir liefen schnell hinaus und gingen mit bis Erzingjan, etwa 1 Stunde Weg. Grösseres Elend kann nicht gedacht werden. Manche waren augenscheinlich wahnsinnig geworden. Sie schrieen: Rettet uns! Wir wollen Moslems werden! (ihnen ja das allerschwerste). Wir wollen Deutsche werden! Was Ihr wollt, nur rettet uns!! Jetzt führen sie uns nach Kunagh Boghasy und --“ dabei machten sie die Gebärde des Halsabschneidens. Andere flehten nur für ihre Kinder. Je näher wir nach der Stadt kamen, desto mehr wurden auch der türkischen Reiter, die sich Kinder und junge Mädchen holten, mit oder ohne Willen der Mütter. Wir nahmen auch 6 Jungens im Alter von 8 - 14 Jahren und ein kleines Mädchen. Letzteres übergaben wir der Köchin, die es in der Küche von Dr. Colleys Wohnung für ein paar Stunden behalten wollte, aber Dr. Collays Adjutant, Riza Bey, schlug die Frau und warf das Kind auf die Strasse. Die Jungens krallten sich an uns fest und schrien: „Nun sind wir gerettet“. Die übrige Schar wurde mit Peitschenhieben und unter Wehegeheul auf dem Wege nach ihrem grausigen Bestimmungsort hineingetrieben. Wir marschierten mit unseren sechsen zum Hospital zurück, wo uns freundlicherweise von Dr. Colley erlaubt wurde, sie in unserem Zimmer zu beherbergen, bis wir unsere Sachen gepackt hatten. Sie bekamen auch zu essen und wurden auf Jungensart bald zutraulich. Nur der Kleinste wollte sich nicht trösten lassen, er zeigte uns den Gendarmen, der seinen Vater getötet hatte und schluchzte immer wieder. Ihr Geld übergaben sie uns, 475 Ps. Ihre Väter hatten es ihnen übergeben in der Hoffnung, dass es bei ihnen sicher wäre. Die türkischen Wärter waren sehr freundlich und sagten: „Das habt Ihr gut gemacht“. Wir ritten nun in die Stadt und zeigten bei der Regierung an, dass wir die Jungens genommen hatten. Der Stellvertreter des Mutessarifs war sehr freundlich und versprach, ihnen für die Reise andere Namen zu geben. Am Abend gingen wir mit Sack und Pack in ein Hotel in Erzingjan und übernachteten dort mit unseren Schützlingen in einem kleinen Raum, da man uns kein Extrazimmer für sie geben wollte. Als wir am anderen Tage im Café frühstückten, kamen viele Leute, um uns auszufragen. Der Hotelbesitzer sagte uns, dass von Konstantinopel aus der Befehl gekommen sei, alle Armenier, auch Frauen und Kinder, zu töten. Der Chodscha von unserm Hospital sagte: „Wenn Gott kein Mitleid hat, warum habt Ihr es.“ Dann gingen wir zum Mutessarif, um die entgültige Erlaubnis zu holen, die Jungens nach Mezereh oder Deutschland zu bringen. Aber Worte reichen nicht aus, um zu beschreiben, wie uns dieser Wüterich behandelt hat. Er schrie uns an, als ob wir die gemeinsten Verbrecher wären, sagte, dass Frauen sich nicht in Politik (!) zu mischen hätten, dass wir Ehrfurcht haben sollten vor der Regierung, dass, wie Colley uns am Arm genommen und auf die Strasse geworfen, so mache er es auch jetzt und wolle uns nicht mehr dulden usw. Dabei klingelte er wie toll und gab Befehl, sofort die Jungen zu holen aus unserm Zimmer heraus. Auf der Straße begegneten uns die armen Kerle, laut weinend. Sie wurden schnell an uns vorbeigetrieben, sodass wir vergaßen, ihnen ihr Geld zurückzugeben. Wir baten dann Dr. Lindenburg, ihnen dieses zurückzuerstatten und er frug einen türkischen Offizier nach ihrem Aufenthalt. Am Tage unserer Abreise, als wir gehört hatten, dass die Jungens schon tot waren, kam noch der oben erwähnte Riza Bey und bat uns um das Geld, er wolle es den Knaben wiedergeben! Wir hatten vorgehabt, es anderswo an notleidende Armenier zu verschenken.

Nach unserem Besuch beim Mutessarif waren wir geächtete Leute; der Hotelbesitzer wollte uns nicht mehr behalten und die Polizei brachte uns ins armenische Viertel, wo man uns ein leeres Haus gab, aber Niemand, der uns Wasser und Nahrung besorgen könnte. Es war uns gelungen, Dr. Colley zu benachrichtigen und der war freundlich genug, uns ins Hospital zurückholen zu lassen. Am folgenden Tage, Sonntag, schickte der Mutessarif einen ungeforderten Lastwagen, auf dem wir mit samt unserem Gepäck die 7tägige Reise nach Siwas machen sollten. Der Mutessarif wollte uns nämlich nicht erlauben, nach Mezereh zu gehen, wo wir alle unsere Sachen haben, die wir natürlich ordnen wollten. Wir erklärten, dass wir nicht mit einem Lastwagen fahren wollten und dass wir die Ankunft der österreichischen Offiziere abwarten würden. Am folgenden Tage erschien ein Reisewagen, den der Beamte auf Dr. Colleys Vorstellungen hin beschafft hatte und wir bekamen Befehl, sofort abzureisen, da wir sonst verhaftet würden. Der Mutessarif erklärte uns nicht länger da lassen zu können, da wir seine Leute zur Rebellion verleiteten (!) und er nicht dafür einstehen könnte, dass wir nicht von ihnen erschossen würden. (In Wirklichkeit waren sie unsere Freunde und manche von ihnen drückten ihr Bedauern über das Morden aus. So sagte ein Wärter: „Einer hat gesündigt und Tausende müssen sterben. Wozu das?“) Wir zogen es unter diesen Umständen vor zu gehen, obwohl uns die Wärter warnten und sagten: „Reist nicht, man wird Euch töten“. Es war in der Tat eine Todesfahrt, nicht dass man uns was tat, denn die Gendarmen hatten Befehl uns zu schützen und taten es, trotzdem sie glaubten, dass wir Armenierinnen wären. Aber jeder Tag brachte neue Mordszenen: Wir sahen die nackten Leichen am Wege liegen, wir sahen die Leute die Kleidung eines Erschlagenen unter sich teilen, wie sahen zweimal grosse Scharen von armenischen Wegearbeitern (Soldaten) zum Abschlachten geführt werden, wir hörten das Jammergeschrei der Frauen, die die Todesnachricht von ihren Männern erhalten hatten. Die uns begleitenden Gendarmen gefielen sich darin, uns auf alles Schauerliche aufmerksam zu machen, einer sagte: „Jetzt werden alle Armenier getötet, dann die Griechen und dann die Kurden“. Zwei türkische Offiziere, die Armenier waren und sich uns angeschlossen hatten, wurden unterwegs getötet. Überall trafen wir reitende Patrouillen, die auf Flüchtlinge fahndeten. In der ganzen Gegend von Erzerum bis Siwas ist, wie uns berichtet wurde, kein Armenier am Leben geblieben. Mann, Frau oder Kind, ausser einigen wenigen, die von Moslems zu Frauen genommen wurden. Kinder aufzunehmen wurde verboten.

In Siwas waren wir 2 Tage bei den Amerikanern und wurden von dort nach Caesarea geschickt, wo man uns erlaubte, die Missionare in Talos zu besuchen. Als wir wieder abreisen wollten, verweigerte man uns die Erlaubnis, sperrte uns in die Jesuitenschule und stellte uns einen Gendarmen vor die Türe. Den Missionaren gelang es unsere Freilassung zu bewirken und wir wurden ihnen übergeben. Man hatte die Absicht, uns dort zu lassen und nur durch die Vermittlung der Deutschen Botschaft gelang es uns wegzukommen.


[Thora Wedel-Jarlsberg]



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