1915-05-22-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/169
Botschaftsjournal: A53a/1915/3426
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: No. 13
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Verweser in Erzerum (Scheubner-Richter) an den Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim)

Bericht



No. 13
Erserum, 22. Mai 1915.

Geheim.

Euere Excellenz!

Im Anschluß an meinen Bericht No. 12 vom 20. Mai melde ich noch Folgendes:

Die von den Armeniern verlassenen Doerfer werden von den Muhadschirs (tuerkischen Emigranten aus den Doerfern an der Kampffront) besetzt. Dieselben pluendern an vielen Stellen auch das Eigentum der Armenier.

Die Vermutung liegt nahe, dass es vielleicht von Anfang an der Zweck der Aussiedlung war fuer diese Emigranten Platz zu schaffen.

Das Verhalten der die vertriebenen Armenier begleitenden Gendarmen ist - abgesehen von Belästigung und Vergewaltigung der armenischen Frauen und Maedchen, die hier ja nichts Aussergewoehnliches sind, auch sonst wenig geeignet den Vertriebenen ihr schweres Loos zu erleichtern. Das Verhalten der Gendarmen koennte Untertanen feindlicher Staaten gegenüber auch nicht schroffer sein.

Fuege die Uebersetzung eines von den Priestern von 6 Doerfern unterzeichneten und an den hiesigen Bischof gerichteten Schreibens bei, das von demselben auch dem Wali zur Kenntnis gebracht wurde.

Die Verteilung von Brot durch das Konsulat unter die ausgesiedelten Armenier hat bei der armenischen Bevoelkerung ein wider Erwarten grossen und guten Eindruck gemacht. Ich glaube, dass dadurch auch, ohne dass es beabsichtigt war, ein politisch guenstiges Resultat erzielt worden ist. Von Seiten der Regierung sind mir keinerlei Hindernisse in den Weg gelegt worden.


Scheubner-Richter


Anlage

An Seine Heiligkeit dem Bischof Sambat von Erzerum.

Heiliger Vater!

Seit Jahrhunderten haben wir dem mächtigen osmanischen Reiche in Treue gedient und unter seinem hohen Schutz gelebt. Auch bei der letzten Mobilmachung haben wir gehorsamst seine Befehle befolgt, indem wir Soldaten stellten und bei den Requisitionen alles hingaben, was wir besaßen, Weizen, Gerste, Ochsen, Schafe, Butter, Käse und anderes. Es ist vorgekommen, daß wir sogar die Requisitionsabgaben unserer türkischen Nachbarn auch noch auf uns genommen und ihre Gäste - türkische Emigranten aus dem Operationsgebiet, die für einige Zeit bei den Armeniern untergebracht und gastlich aufgenommen wurden, selber beherbergt haben. Für alle diese Opfer haben wir nichts gefordert. Die türkischen Offiziere haben sich lobend über die von uns Armeniern ausgeübte Gastfreundschaft geäußert und wollten nicht in die Häuser der Türken einkehren. Wir haben dies alles gern und willig diesem Vatan (Vaterland) zu Liebe getan, und was haben wir dadurch nun gewonnen? Verbannung, Verfolgung, Ausplünderung, siehe, was uns im Herzen so tief niederdrückt. An einem Maiabend bei Sonnenuntergang kamen die Hiobsboten und verkündeten den Befehl unserer Verbannung. Nach zwei Stunden waren wir schon alle, Greise und Kinder, Bräute und Mädchen, Arme und Krüppel draußen unter freiem Himmel und beweinten unser hartes Geschick. Frühmorgens haben wir unsre Häuser von den im Dorf befindlichen Soldaten und unsren Nachbarn ausgeplündert gesehen. Sie lagerten noch bei ihren Dörfern. Wir durften nicht in unsre Häuser wiedereintreten, kaum gelang es einigen Familien von uns etwas Essen und einige Decken zu holen, und so entfernten wir uns von unsren Dörfern unter abscheulichen Verwünschungen, Schmähungen und Hieben der Gendarmen. Wie schon gesagt, wurden wir ganz unerwartet aus unsren Häusern getrieben, der Sauerteig lag noch in den Trogen, und nun bleiben wir brotlos, da es uns verboten ist, auf unsrem Wege in die Dörfer einzutreten. Wir hungern, unsre Tiere hungern, unsre Toten bleiben beinahe unbeerdigt am Wege liegen, und dauernd werden wir vorwärts getrieben, dazu sind wir noch unterwegs Plünderungen ausgesetzt. Wer weiß wohin wir gehen, vielleicht ins schwarze Grab. Wir wissen nicht, Heiliger Vater, was wir tun sollen, sollen wir etwa die Vorschläge der Gendarmen, Türken zu werden, annehmen, um so, wie sie uns glauben machen wollen, uns aus diesem Elend zu retten?

Es hat auch an solchen, die darauf eingegangen sind, nicht gefehlt, wie Sie es im Dorfe Hintyk erfahren können. Wir hören, daß man die 16 - 55jährigen Militärpflichtigen von uns trennen will, wer wird dann unsre Namus (Ehre) beschützen. Fremde Gegenden, fremde Plätze! Was wird aus uns werden? Durch Vermittlung der Brot verteilenden Deutschen senden wir diesen Bericht an Ihre Heiligkeit, damit sie Dolmetscher unsrer Leiden sein möchten. Indem wir Ihre Heilige Hand küssen, bleiben wir Ihre untertänigen Söhne.


7. Mai 1915.

[Nicht wiedergegebene Namen der Unterzeichneten]

Für Hintyk. Für Kezelkilisse. Für Tzitog. Für Trandj. Für Dinarikom. Für die kath. Armenier.

Alle Armenier aus den Dörfern der Ebene sind vertrieben worden. Die passierenden Reisenden sowohl wie die türkischen Bauern nehmen uns noch unser Letztes. Es sind auch einige Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen vorgekommen.

Unterschrift: dieselben.


[Antwort Wangenheim 6.6.]

Auf die Berichte No. 12 und 13 vom 21. und 23. Mai.

Wie die Pforte aus anderem Anlaß hierzu mitgeteilt hat, ist es festgestellt, daß die aufständische Bewegung der Armenier in den anatolischen Grenzprovinzen, die schließlich zu den bekannten Vorfällen in Van geführt hat, das Werk der armenischen Revolutionsparteien ist, die zur Zeit ihren Sitz in Paris, London und Tiflis haben und namentlich von Rußland unterstützt werden. Unter Anderem wird Folgendes angeführt:

Nach Ausbruch des Krieges übernahm der frühere türkische Abgeordnete Karekin Pasdirmadjian die Führung einer Bande, die von den armenischen Parteiführern Tro und Hetscho gebildet und von den Russen mit Waffen ausgerüstet worden war. Nach der Einnahme von Bajazid zerstörte er sämtliche mohammedanische Dörfer, die er auf seinem Marsche durchzog, und metzelte ihre Bewohner nieder. Beim Abzuge der Russen aus diesen Gegenden wurde er verwundet und ein gewisser Suren, Abgeordneter der Taschnak von Erzerum, fiel an seiner Seite; augenblicklich steht er mit seiner Bande an der kaukasischen Grenze. Die Zeitung Asbaretz, Organ der Taschnak in Amerika, brachte seine Photographie, die ihn zusammen mit Tro und Hetscho darstellt, wie sie vor dem Auszuge in den Krieg eine feierliche Eidesleistung vornehmen.

Diese und andere Vorgänge, wie z.B. die Bomben- und Waffenfunde bei den Armeniern in Everek (bei Kaisarié), Diarbekir, Egin und anderwärts, rechtfertigen das harte Vorgehen der Behörde gegen die Armenier, speziell auch in Erzerum, und entschuldigen gelegentliche Ausschreitungen der mohammedanischen Zivilbevölkerung.

Ich füge hinzu, daß in diesen Tagen hier die beiden Deputierten Vartges (Erzerum) und Zohrab Efendi (Stambul) verhaftet worden sind; sie sind dringend verdächtig mit dem Aufstand in Van in Verbindung zu stehen.

Vorstehende Mitteilungen sind lediglich zu Ihrer persönlichen Information bestimmt. Ew. Hochwohlgeboren wollen daraus ersehen, daß die Haltung der Armenier es uns immer mehr erschwert für sie einzutreten, trotz unseres Interesses für sie und trotz unseres Mitgefühls für diejenigen unter ihnen, die unschuldig leiden müssen.



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