1916-07-10-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14092
Zentraljournal: 1916-A-18548
Botschaftsjournal: A53a/1916/1952
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 07/14/1916 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 368
Zustand: A
Letzte Änderung: 12/18/2015


Der Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Wolff-Metternich) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 368

Therapia, den 10. Juli 1916

Die Armenierverfolgungen in den östlichen Provinzen sind in ihr letztes Stadium getreten.

Die türkische Regierung hat sich in der Durchführung ihres Programms: Erledigung der armenischen Frage durch die Vernichtung der armenischen Rasse, weder durch unsere Vorstellungen noch durch die Vorstellungen der amerikanischen Botschaft und des päpstlichen Delegaten, noch auch durch Drohungen der Ententemächte, am allerwenigsten aber durch die Rücksicht auf die öffentliche Meinung des Abendlandes beirren lassen; sie steht jetzt im Begriff, die letzten Ansammlungen von Armeniern, welche die erste Deportation überstanden haben, aufzulösen und zu zerstreuen.

Es handelt sich hierbei um Armenier, die in Nordsyrien (Marasch, Aleppo, Ras-ul-Ain) sowie in einigen größeren Ortschaften Kleinasiens (Angora, Konia) zurückgeblieben sind, namentlich solche, die durch Verschickung dorthin gelangt oder schon früher dort eingewandert waren. Aber auch unter der alteingesessenen Bevölkerung und unter den katholischen und protestantischen Armeniern wird jetzt aufgeräumt, obwohl die Pforte wiederholt die Schonung dieser letzteren zugesagt hatte.

Diese Überreste werden teils nach Mesopotamien weiter verschickt, teils islamisiert.

Das Konzentrationslager in Rasul-Ain, das Ende April noch 2000 Insassen zählte, ist vollständig geräumt; ein erster Transport ist auf dem Marsch nach Der Zor überfallen und zusammengehauen worden; es wird vermutet, daß es den übrigen nicht besser ergangen ist.

In Marasch und Aleppo ist die Verschickung in vollem Gange; in Marasch wurden nicht einmal die Familien geschont, die früher vom Minister des Innern spezielle Aufenthaltsermächtigungen hatten. In Angora ist der durch seine Tätigkeit in Diarbekir bekannte Wali Reschid Bey beschäftigt, die letzten Armenier (ausschließlich Katholiken) ausfindig zu machen und auszutreiben. In gleicher Weise wird mit den in Eskischehir und in der Umgegend von Ismid noch befindlichen protestantischen und katholischen Armeniern verfahren.

Trotz aller offiziellen Ableugnungen spielt in dieser letzten Phase der Armenierverfolgungen die Islamisierung eine große Rolle.

Bereits Ende April berichtete der Pfarrer Christoffel aus Siwas, daß er in Eregli die letzten christlichen Armenier angetroffen habe; von dort bis Siwas war gründlich aufgeräumt, "entweder verschickt, oder bekehrt oder umgebracht. Man hörte nirgends mehr einen armenischen Laut.” In Karahissar Scharki waren anscheinend noch einige Gruppen christlicher Armenier übrig geblieben; letzthin sollten sie in Gemeinschaft mit den dortigen Griechen ein Komitee gebildet haben, um unter den Soldaten einen Aufstand zu erregen. Daraufhin wurden alle Armenier festgenommen, um verschickt zu werden; sie haben es dann vorgezogen, zum Islam überzutreten. Aus Damaskus zeigt Konsul Loytved unter dem 30. Juni an: "Alle Armenier werden sämtlich mehr oder weniger gezwungen Muhammedaner zu werden; in Derât haben 149 Familien den Islam angenommen, nur eine einzige blieb dem christlichen Glauben treu."

Endlich muß hier das Vorgehen der Pforte gegen die Anstalten erwähnt werden, die von deutschen und amerikanischen Vereinen zum Wohl der armenischen Bevölkerung in jenen Gegenden bisher unterhalten wurden, wie Waisenhäuser, Spitäler, Schulen u. dgl. Die wenigen Anstalten, die noch nicht geschlossen sind, werden durch die Behörden tagtäglich bedroht mit Verschickung des armenischen Personals, der Schul- und Waisenkinder und mit anderen Maßregeln. Einzelne Vergünstigungen, die die Regierung noch im vorigen Jahre zugestanden hatte, sind zurückgezogen worden, und es ist nur geringe Hoffnung vorhanden, daß diese Anstalten nach dem Kriege ihre Tätigkeit in dem früheren Umfange werden aufnehmen können. Die türkische Regierung hat richtig erkannt, daß die von den Ausländern geleiteten Schulen und Waisenhäuser einen großen Einfluß auf die Weckung und Entwicklung des armenischen Nationalgefühls gehabt haben; es ist von ihrem Standpunkt aus nur konsequent, wenn sie sie einer straffen Kontrolle unterstellt, oder ganz eingehen läßt.

Ebenso darf man in der zwangsweisen Islamisierung der Armenier zunächst keine von religiösem Fanatismus eingegebene Maßregel erblicken. Den jungtürkischen Gewalthabern dürften solche Gefühle fremd sein. Dagegen bleibt es wahr, daß um auch im Herzen ein guter osmanischer Patriot zu sein, man vor allem sich zum Islam bekennen muß. Die Geschichte des türkischen Reiches von seinem Beginn bis in die letzten Zeiten ist da, um die Richtigkeit des Satzes zu beweisen, daß im Orient Glaubensbekenntnis und Nationalität identisch sind, und jeder Osmane ist in seinem Innern hiervon überzeugt. Die gegenteiligen amtlichen und nichtamtlichen Versicherungen sind unaufrichtig und gehören samt dem begleitenden Apparat von Belegstellen aus Koran und Tradition zu den konventionellen Phrasen, deren man sich seit der Ära der Reformfermane den Europäern gegenüber bedient, um die Toleranz des Islams und der Osmanen zu beweisen. So entsprechen auch die Dementis, welche die Minister den Mitteilungen über die Glaubensverfolgungen entgegensetzen, zunächst den Anforderungen des guten Tons; sie treffen aber insofern zu, als das leitende Motiv nicht religiöser Fanatismus ist, wie z.B. bei der zwangsweisen Bekehrung der Juden und Mauren in Spanien im 15. und 16. Jahrhundert, sondern die Absicht, die Armenier mit den mohammedanischen Bewohnern des Reiches zu amalgamieren.

So sehr es auch - aus den verschiedensten Gründen - zu beklagen ist, daß es uns nicht gelungen ist, die Armenierpolitik der Pforte in vernünftige Bahnen zu lenken, so haben andererseits weder unsere Feinde noch die sog. Neutralen das geringste Recht, uns daraus einen Vorwurf zu machen, oder auch nur zu verlangen, daß wir unsere Mißbilligung öffentlich aussprechen. Wir haben nach besten Kräften das Los des unglücklichen armenischen Volksstammes in der Türkei zu mildern gesucht, sowohl durch Einwirkung auf die Regierung wie durch mildtätige Gaben.

Die namenlosen Greuel aller Art dagegen, die im Laufe des Weltkriegs von Engländern, Franzosen und Russen, von den drei Nationen, die sich als Vorkämpfer des protestantischen, katholischen und orthodoxen Glaubens hinstellen, an den deutschen Zivil- und Kriegsgefangenen verübt worden sind, sind niemals Gegenstand von Vorstellungen seitens einer der verbündeten Ententemächte bei der anderen geworden; ebensowenig hat je verlautet, daß sich in der feindlichen Presse eine Stimme für die mit Füßen getretenen Menschenrechte erhoben hätte. Wohl aber ist glaubwürdig berichtet worden, daß der Erzbischof von Canterbury sich nicht gescheut hat, die bekannten Taten der Besatzungen des Baralong und des King Stephen in seinen Predigten als gottgefällige Werke hinzustellen. 2

Dieser Sachverhalt ist auch der Pforte bekannt, und sie ist unseren Vorstellungen in der Armenierfrage wiederholt mit dem Hinweis hierauf begegnet. Nicht wir, wie so oft behauptet worden ist, sondern unsere Feinde haben den Türken die Wege gezeigt, wie man die verdächtigen Bevölkerungselemente ohne Rücksicht auf die Gebote der Menschlichkeit unschädlich macht. 3


Metternich



1in Berlin gestrichen und durch ”mildere” ersetzt.
2Anmerkung Wilhelm II. an diesen Absatz: ”sehr gut”
3Notiz von Wilhelm II. unter dem Dokument: ”richtig!”
aDie Mannschaft des englischen Hilfskreuzers Baralong schoß auf die im Wasser treibende Besatzung eines von ihm versenkten deutschen U-Boots.
bDer Kapitän der King Stephen war an der Besatzung einer verunglückten deutschen Zeppelinmannschaft vorbeigefahren, was der oberste Bischof der anglikanischen Kirche gutgeheißen hatte.



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