1915-11-06-DE-012
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/171
Botschaftsjournal: A53a/1915/6448
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Zustand: A
Letzte Änderung: 04/22/2012


Aufzeichnung des Generalkonsuls in der Botschaft Konstantinopel (Mordtmann)






Konstantinopel, den 6. November 1915

Angaben der Schwester Alma Johansson (Schwedin) von den Anstalten des Deutschen Hülfsbundes f. christliches Liebeswerk im Orient in Musch über die Armenierverfolgungen in Musch. (5. XI.)

(NB. In Musch besteht ein Waisenhaus für Knaben u. ein zweites für Mädchen, und eine Poliklinik, die s.g. ärztliche Station)

Die Stadt Musch zählt 50000 E., von denen die eine Hälfte Armenier die andere Mohammedaner (Kurden, Türken); im Bezirk Musch etwa 300 Dörfer, meist armenisch.

Während des Winters wurde die männliche Armenische Bevölkerung bei den Proviant- u. Munitionskolonnen für den östlichen Kriegsschauplatz verwendet; von diesen Leuten kehrten nur die wenigsten zurück, von 2-300 im Durchschnitt kaum 50.

Im Frühling wurden die Armenischen Dörfer zerstört, nachdem sie schon vorher durch Einquartierung und Requisitionen schwer heimgesucht waren.

Im Mai-Juni wurde Bitlis von den Armeniern geräumt.

Um Mitte Juni wurde der Alma Johansson und der Bodil Björn vom Mutessarrif eröffnet, daß die deutsche und türkische Regierung beschlossen hätten, alle Europäer nach Harput zu senden.

Die Russen hatten nämlich auf ihrem Vormarsch von Van aus Ahlat, Bulanik, Gop und Lisch besetzt und ihre Patrouillen streiften in einer Entfernung von 1-2 Tagesmärschen von Musch.

Die beiden Schwestern weigerten sich aber Musch zu verlassen.

Die Stadt war von Truppen umzingelt und Artillerie ringsum aufgefahren.

Am 11. Juli, Sonntag Nacht, wurde das Massaker mit Gewehrschüssen eingeleitet; die Türken behaupteten, daß einige Armenier den Versuch gemacht hätten, sich nach Sassun durchzuschlagen.

Einigen wohlhabenden Armeniern wurde auf dem Konak eröffnet, daß sie in drei Tagen mit der gesamten Bevölkerung die Stadt zu verlassen hätten, aber all ihre Habe, die nunmehr der Regierung gehörte, zurücklassen müßten.

Ohne den Ablauf dieser Frist abzuwarten, begannen die Türken schon nach zwei Stunden in die Armenischen Häuser einzudringen und zu plündern.

Montag, den 12. hielt das Geschütz- und Gewehrfeuer den ganzen Tag an; die türkische Bevölkerung nahm daran teil.

Am Abend drangen Soldaten in das Mädchenwaisenhaus ein um nach versteckten Armeniern zu suchen.

In der Nacht und am folgenden Tage wurde noch viel geschossen. Beim Versuch das Hoftor zu schließen wurden eine Frau und ein Waisenmädchen neben der Schwester Johansson durch Kugeln getötet.

Mittwoch früh begab sich die Genannte zum Mutessarrif, Servet bej, um Schutz und Schonung für die Anstalt und ihre Insassen zu erlangen.

Der Mutessarrif, ein intimer Freund von Enver Pascha, gebärdete sich wie ein Rasender und lehnte die Bitte schroff ab, trotz des Zuredens aus seiner Umgebung; es wurde den beiden Schwestern nur gestattet drei Mädchen und einen Diener zu behalten.

Die männliche Armenische Bevölkerung ist gleich vor der Stadt umgebracht worden; die Frauen, Mädchen und Kinder hat man noch eine Tagereise weiter geschleppt und dann beseitigt. Nur drei armenische Lehrerinnen vom Waisenhause sind später freigelassen worden.

Nach Räumung der Stadt wurde das Armenische Viertel in Brand gesteckt und dem Erdboden gleich gemacht; ebenso die armenischen Dörfer.

Bei diesen Vorfällen hat sich der Militärarzt Dr. Assat bej, Albanese, durch Roheit ausgezeichnet und auch die beiden Schwestern bedroht.

Am 10. August reisten diese nach Mesere Harput ab, wo sie am 20. August eintrafen. Zusammen mit dem erkrankten Mutessarrif, der 2 Tage später starb.

Über die Ausrottung der Armenier in Harput hat die Schwester Alma ebenfalls eingehende Angaben gemacht. Die Verfolgungen begannen dort schon im Mai, die Massenausrottung der Männer fand in den ersten Julitagen statt (Vali Sabit bej, Kurde; Polizeichef Reschad bej).

Von Einzelheiten erwähne ich:

Die offiziellen Kreise in Musch, Meseré-Harput und Siwas behaupten einstimmig, daß die Deutschen die türkische Regierung zur Vertreibung und Ausrottung der Armenier gedrängt hätten.

Frl. Johansson hat heute die Amerikanische Botschaft aufgesucht.



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