1916-04-16-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/100
Botschaftsjournal: 10-12/1916/4828
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Konsul in Erzerum (Schulenburg) an den Botschaftsrat der Botschaft Konstantinopel (Neurath)

Bericht



Ersindjian, den 16. April 1916

Lieber Neurath!

Die Wechselfälle des Krieges haben mich zum Beschützer verschiedener junger Mädchen gemacht, wovon ich nur Ärger und Arbeit und – leider – gar keine “Annehmlichkeiten” habe. Unter ihnen befindet sich eine junge Armenierin aus einer sehr guten Erserumer Familie, Fräulein Anna Tschilingirian, die während der Armenierausweisungen, also vor meiner Zeit, dem Schutze des Konsulats anvertraut worden ist. Der Vater ist nach dem Vilajet Aleppo abgeschoben und sitzt in Serudj. Als Erserum kürzlich verloren ging, hat uns Mahmud Kjamil Pascha – Gott hab ihn selig!- gezwungen, sämtliche unter dem Schutze des Konsulats stehende Armenier mitzuschleppen. Nachdem ich sie glücklich bis Siwas expediert hatte, werde ich jetzt mit Telegrammen überschüttet, daß Frl. Tsch. eine gute Gelegenheit benutzen möchte (ein erkrankter deutscher Arzt reist zurück) um nach Cospoli und von da nach Deutschland zu gehen. Was sie in Deutschld. eigentlich will, habe ich nicht ganz heraus bekommen, anscheinend “sich weiterbilden”, da Erserum ihrem Wissensdrang nicht genügende Möglichkeiten bot. Sie müßte demnach eine höherstehende Pension oder ähnliches aufsuchen. Nun spricht sie ganz gut französisch aber kein Wort deutsch. Der eigentliche Haken aber liegt wo anders. Die Familie Tsch. war vor den Armenierausweisungen sehr wohlhabend, beinahe reich, wie ihre Vermögensverhältnisse nach dem Kriege aussehen werden, wissen nur die Götter, gegenwärtig jedenfalls hat sie nichts. Es müßte also irgend jemand die Kosten des Aufenthalts in Deutschland übernehmen, wenn Frl. Tsch. wirklich dort hin will. Ich habe daran gedacht, die junge Dame – sie ist wirklich eine junge Dame, ein wenig à la Erzéroum, aber immerhin doch ein wohlerzogenes junges Mädchen – irgend einer frommen Gesellschaft in Deutschland aufzuhängen, von denen es mehrere gibt, die das Armenierretten als Spezialität betreiben. Nun weiß ich die Adresse nur einer einzigen dieser Vereinigungen, des “Deutschen Hilfsbunds” in Frankfurt a/M. Fürstenbergerstr. 151, dessen Direktor Schuchardt sich augenblicklich in Cospoli befinden soll. Meine Bitte an Sie geht dahin, daß Sie Frl. Tsch. Herrn Schuchardt empfehlen, ihr auch sonst helfen, falls es etwa nötig werden sollte, etwa bei Besorgung des Reisepasses, und ihr vielleicht einen guten Rat geben, wenn Sie einen wissen. Vielleicht lassen Sie Sich Frl. Tsch. einmal kommen (sie muß bereits in Cospoli sein, wenn Sie diesen Brief bekommen, und wohnt bei der Mutter meines Sekretärs Werth) und besprechen mit ihr, was Sie eigentlich in Deutschld. will. Diese junge Dame ist nicht hübsch, hat aber das merkwürdige Talent, alle Welt für sich zu interessieren. Sie tuen ein gutes Werk, wenn Sie Sich Ihrer ein bischen annehmen. Ich will inzwischen an mehrere meiner Verwandten in Deutschld. schreiben, vielleicht wissen die etwas. Leider ist meine Mutter so schwer erkrankt, daß ich mich an sie nicht wenden kann.

Ich schreibe Ihnen diesen Brief sozusagen im Steigbügel, denn morgen Früh reise ich, d.h. reite ich nach Samsun ab. Wenn das Wetter schön ist, was wenig wahrscheinlich ist, kann der Ritt ganz nett werden. Ich reite über Karasund u. dann an der Küste entlang. Ich schließe hier nur ein paar Bemerkungen im Telegrammstile an, die Sie vielleicht interessieren werden:

Wehib Pascha macht uns allen einen sehr guten Eindruck. Seine Aufgabe wird trotzdem sehr schwer sein, die alte Armee ist zu schlecht, entmutigt, verloddert u.s.w., dazu die Russen in großer Übermacht.

An der Küste sieht es nicht gut aus. Trapezunt wird wohl verloren gehen. Das Regiment Ilunger tut, was es kann, hat aber schon schwere Verluste. Es tut mir leid um das schöne Trapezunt, meine heimliche Liebe in diesem üblen Lande. Das ganze Vilajet Trapezunt ist übrigens wunderschön, wert eines Besuchs.

Meine Aufgabe hier (Verbindung mit den Kaukasiern) ist hier in den weitesten Kreisen unbeliebt, ich muß deshalb andauernd mit dem Wahlspruch: Tandem! arbeiten, was die Sache zwar reizvoll aber keineswegs vergnüglich gestaltet. Augenblicklich läßt mich meine hohe Regierung ohne Geld! Nachdem man in Berlin s.Zt. mir für die ersten 6 Monate 5 Millionen bewilligt hatte (auf dem Papier natürlich) wovon ich bisher, also in 10 Monaten, kaum eine bekommen habe, stockt jetzt der Zufluß ganz. Na zum Schluß machen wir eben Pleite!

In der nächsten Zeit wird hier Enver Pascha erwartet, da ich nach Samsun muß, werde ich ihn und seine deutsche Begleitung kaum zu sehen bekommen. Der Kriegsminister ist in der hiesigen Armee ganz außerordentlich unbeliebt. Das klingt immer wieder durch, selbst mir Ausländer gegenüber. Grund scheint seine Haltung im vorigen Winterfeldzug gewesen zu sein (eigenhändiges Erschießen von Offizieren u.s.w.)

Daß man uns Deutsche zum Teufel wünscht, besonders in den Kreisen des Komitees, wird Sie wohl kaum erstaunen. Der Schullehrer ist selten beliebt. Das einfache Volk dagegen verehrt uns und tut sein äußerstes um uns nützlich zu sein. Der Salam vor einem deutschen Offizier geht bis auf die Erde.

Dieses Anatolien ist ein Meer von Bergen, dazwischen hineingestreut eine kleine Zahl fruchtbarer Ebenen geringen Umfangs. Die Berge sind kahl und mineralarm (wenigstens anscheinend). Wasser ist überall zu viel da. Die Bevölkerung ist ungeheuer dünn und durch die Vertreibung der Armenier noch mehr verringert. In 100 Jahren mühseliger Arbeit und nach Investierung einiger 100 Milliarden könnte man aus Anatolien ein großes Tirol machen. Ich habe nie gehört, daß Tirol ein reiches Land ist.

Dies Ziel könnte nur durch eine Tyrannis erreicht werden, d.h. durch eine Regierung, die dem Volke bewußt Unrecht tut. Hier ist es z.B. heiligstes Menschenrecht, daß jeder Schafskopf jeden Baum abhackt, dem er begegnet. Darüber müßte man sich mit Gewalt hinwegsetzen, wenn man die Berge aufforsten wollte.

Die Armeniermassakres vom vorigen Jahre sind zu 99/100 Lüge, entsprungen der ungeheuren Feigheit dieses Volkes und der Übertreibungswut der Orientalen. Natürlich sind eine ganze Menge totgeschlagen und noch mehr unterwegs umgekommen, große Massakres sind nur sehr wenige vorgekommen.

Die von der Scholle vertriebenen armenischen Bauern werden jetzt gezwungener Maßen Kleinhändler werden. Die Türkei wird den russischen “rayon” einführen müssen, wenn sie ihr Volk vor der Aussau[gu]ng durch diese Händler schützen will.

Ich bitte Sie, mich der Baronin angelegentlichst zu empfehlen, wenn sie sich meiner noch entsinnt, und grüße auch Sie herzlichst

Ihr ganz ergebener


F.W. Schulenburg.

Beste Grüße bitte auch den Herren der Botschaft.


[Das Generalkonsulat in Konstantinopel an Mordtmann 21.6.]

Sehr geehrter Herr Generalkonsul!

Anbei die Akten in Sachen der Anna Schellinghian. Die Aufnahme in einem amerikanischen Kollege hat sich nicht ermöglichen lassen. Frl. Werth hat das Mädchen darauf auf meine Veranlassung dem zuständigen armenischen Patriarchen zugeführt, wo sie jetzt untergebracht ist. Die Familie Werth, die aufs Land reisen will, konnte die junge Armenierin nicht länger bei sich behalten.

Mit besten Grüßen Ihr ergebenster Fabricius.


[Neurath an Schulenburg (28.6.)]

Lieber Graf Schulenburg,

Erst jetzt komme ich dazu Ihre frdl. Zeilen aus Ersindjan vom 16. April zu beantworten.

Herr Dr. Strube und Frl. Tschilinghirian sind Ende April hier eingetroffen ohne unterwegs von den türkischen Behörden behelligt worden zu sein. Dr. Strube ist dann einige Wochen später nach Deutschland abgereist, während seine Begleiterin zunächst bei Frl. Werth Unterkunft fand. Nach Lage der Sache war es ausgeschlossen ihr einen Reisepaß nach Deutschland zu beschaffen; ebenso hat das hiesige amerikanische Mädcheninternat, in dem wir sie unterzubringen hofften, die Aufnahme abgelehnt. Da die Familie Werth sie auch nicht länger bei sich behalten konnte, ist sie schließlich dem armenischen Patriarchen zugeführt worden, wo sie vorläufig in Sicherheit sein dürfte. Damit erübrigen sich auch die von Ihnen in Aussicht genommenen Schritte beim deutschen Hilfsbunde und ähnlichen Vereinigungen. Ich bedaure lebhaft, daß wir nicht mehr für Ihren Schützling haben tun können. Immerhin geht es ihr unendlich besser als den vielen Tausenden ihrer Leidensgenossinnen die Alles - man kann nicht einmal hinzufügen hors l’honneur – eingebüßt haben.

Der sonstige Inhalt Ihres Briefes hat mich lebhaft interessiert und ich habe ihn auch dem Herrn Botschafter mitgeteilt; eventuell werde ich auf Einzelnes noch besonders zurückkommen.

Mit den herzlichsten Grüßen, auch von meiner Frau,

Ihr aufrichtig ergebener


N[eurath]



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