1915-09-03-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R14087; R14095
Zentraljournal: 1915-A-28019
Botschaftsjournal: A53a/1915/5872
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 09/26/1915 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: K. No. 90/B. No. 1950
Zustand: B
Letzte Änderung: 04/03/2012


Der Konsul in Aleppo (Rößler) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



K. No. 90 / B. No. 1950
Aleppo, den 3. September 1915
Zur Armenierfrage ist mir seit Abgang meines letzten Berichtes das folgende bekannt geworden:

1) In Antiochien waren in den Armeniermetzeleien des Jahres 1909 alle Männer getötet worden bis auf 6 oder 10 zufällig gerettete. Diese hat die Regierung etwa am 7. August als Vorbereitung für die Verbannung ins Gefängnis gesteckt. Auch die Witwen und Waisen sind von der Verschickung nicht ausgenommen worden und haben den Marsch nach Hama antreten müssen.

In der Nähe von Antiochien gibt es 6 armenische Dörfer, Kessab auf dem Mons Cassius und fünf auf dem Djebel Musa, nämlich: Bityas, Habably, Yoghun-oluk, Khider Bey, Kabbusiye. Bauern aus diesen Dörfern, die sich in der Nähe von Antiochien sehen liessen, wurden in Ketten gelegt und nach der Stadt abgeführt. Daraufhin haben auf die Aufforderung, sich zu stellen, zwar die Bewohner von Kessab und Kabbusiye sich eingefunden, die der andren vier Dörfer aber sich in die Berge geflüchtet. Zwei Bataillone sind ausgeschickt worden, um sie zu fangen, haben aber bisher noch keinen Erfolg gehabt. Das Gelände ist schwierig, die Truppen sind noch nicht ausgebildet. 30 Soldaten sind im Laufe der Tage verwundet worden, darunter acht durch Schüsse, die sie aus Ungeschicklichkeit auf einander abgefeuert haben.

2) In Urfa hat am 19. v.M. ein seinerzeit mit der Waffe vom Militär durchgegangener Armenier bei einer Haussuchung drei Mann der bewaffneten Macht erschossen, worauf der Pöbel ein regelrechtes Gemetzel von Armeniern und Syriern veranstaltete. Etwa 200 Männer (nach anderen Angaben sogar 250 – 320) sind getötet worden. Am nächsten Morgen war die Regierung wieder Herr der Lage. Einen Brief des Diakons Künzler darüber beehre ich mich in Abschrift beizufügen. Seine darin ausgesprochene Befürchtung, dass hunderte von armenischen Strassenbauarbeitern in der Harranebene gleichfalls getötet worden seien, ist mir inzwischen vom Betrieb der Bagdadbahn als tatsächlich bestätigt worden. Die Bagdadbahn hat ihrerseits Bericht vom Stationsvorsteher in Tell Abiad, dem Gendarmen erzählt haben, sie hätten die Strassenbauarbeiter auf Befehl ihrer vorgesetzten Behörde (Kaimmakam von Harran) niedergeschossen.

3) In den östlichen Provinzen sind ausser den Armeniern nicht nur Nestorianer, sondern auch Altsyrer (Jakobiten), katholische Syrer (Syrianer) und andere Christen verbannt worden. Schon seit längerer Zeit verlautete hier, dass solche Christen auch getötet worden seien. Ich habe einen hier im Lande geborenen, vermöge seines Berufes mit verschiedenen Bevölkerungsklassen in Berührung kommenden, gut beobachtenden europäischen Bekannten gebeten, mir schriftlich mitzuteilen, was ihm darüber bekannt geworden ist und beehre mich, seine Aufzeichnungen darüber hier beizufügen. Danach gibt es eine ganze Anzahl nicht armenischer christlicher Frauen, die ohne ihre Männer hier angekommen sind. Es ist kaum ein anderer Schluss möglich als dass die Männer getötet worden sind. In einem nachgewiesenen Fall sind die Vermissten griechisch katholisch.

4) In Aintab hat etwa gegen den 20. August ein Teil des jungtürkischen Komitees durch das falsche Gerücht, eine bewaffnete armenische Horde zöge gegen die Stadt, eine Panik und ein Massaker hervorrufen wollen. Der besonnenere Teil des Komitees habe sich widersetzt und Unglück verhütet.

Die Nachricht kommt zwar aus armenischer Quelle, aber von zuverlässigen Leuten und kann als sicher angesehen werden.

5) Etwa am 20. August ist der Pöbel von Bab (östlich von Aleppo) auf ein falsches Gerücht hin auf die in Zelten dort untergebrachten etwa 30 armenischen Familien losgestürzt und hat 12 Personen verwundet. Nur das sofortige Eingreifen des Kaimmakams hat weiteres Unglück verhütet.

Begräbnisse der in Bab gestorbenen Armenier sind nur unter Gendarmeriebegleitung möglich.

6) Am 13. d.M. erliess die Regierung eine Bekanntmachung, diejenigen Armenier, welche den Wunsch hätten, aus der Türkei auszuwandern, dürften es tun, wenn sie sich verpflichteten, während des Krieges nicht zurückzukommen. Mündlich wurde darauf hingewiesen, dass jeder einzelne eine Erlaubnis von Djemal Pascha zur Auswanderung haben müsse. Auch seien keine Schiffe da. Die Armenier haben die Ueberzeugung gehabt, dass es der Regierung mit ihrer Bekanntmachung nicht ernst sei und dass, wer um die Erlaubnis nachsuche, sich möglicherweise dadurch besondere Verfolgung zuziehe. Obwohl, wenn eine praktische Möglichkeit vorhanden wäre, alle Armenier auswandern würden, hat es niemand gewagt, um die Erlaubnis zu bitten, mit Ausnahme einer einzigen Familie, deren Gesuch ich dem Wali mit privater Empfehlung vorgelegt habe. Drei Wochen sind seitdem vergangen, ohne dass eine Antwort erfolgt ist. Neuerdings ist die Bestimmung ergangen, dass niemand aus dem Bereich der 4. Armee abreisen darf ohne Erlaubnis von Enver Pascha. Tatsächlich ist also die Auswanderungserlaubnis hinfällig und nur zum Schein gegeben.

7) Die Verschickung der Armenier ging eine Zeit lang von hier aus nach Hama. Eine von mir an das Kaiserliche Konsulat in Damaskus gerichtete Anfrage, was von Hama aus weiter mit ihnen geschehe, beehre ich mich in anliegender Abschrift vorzulegen. Seitdem hat die Bahnverwaltung hier Auftrag erhalten, die Züge mit den Verbannten direkt bis Rayak zur Umladung nach Damaskus abgehen zu lassen. Anscheinend ist jetzt das Gebiet zwischen Damaskus und Kerak (im Südosten des Toten Meeres) zur Ansiedlung bestimmt, wobei die Armenier in einer gewissen Entfernung von der Hedjasbahn (wahrscheinlich wenigstens 25 km) werden bleiben müssen. Jedenfalls ist in dem Befehl an die Bahnverwaltungen Kerak als das südlichste Ziel der Beförderung genannt worden.

8) Ein älterer ruhiger vorsichtig abwägender Armenier, protestantischer Pfarrer von ausserhalb Aleppo, der hier an dem Hilfswerk für die Vertriebenen sich wesentlich beteiligt, hat mir als Ergebnis seiner über mehrere Wochen sich erstreckenden Vernehmungen über die Verbannten aus den Wilayets Erzerum, Siwas, Diarbekr und Kharput, soweit die Verschickung nach Aleppo erfolgt ist, die in anliegender Abschrift gehorsamst hier beigefügte Aufzeichnung übergeben, nach welcher von 35 bis 40000 Verbannten nur 13000 hier angekommen, der Rest getötet oder geraubt worden ist. Unter den 13000 Angekommenen befindet sich keine männliche Person über 11 Jahre. Die Ueberlebenden sind unmenschlicher Behandlung ausgesetzt gewesen. Der Pfarrer ist bestrebt gewesen, aus den einzelnen Gruppen sich die gebildetsten und urteilfähigsten herauszusuchen. Ob seine Darstellung zutrifft, wird sich nach Wiederkehr ruhigerer Zeiten endgültig ergeben. Vorläufig liegt meines Erachtens leider bei den zahlreichen aus den verschiedensten Quellen eintreffenden gut bezeugten Nachrichten, die immer wieder das gleiche Bild ergeben, keine Veranlassung vor, die Darstellung nicht für richtig anzusehen.

Zur Illustration der darin geschilderten unmenschlichen Behandlung beehre ich mich anzuführen, dass nach der Mitteilung des stellvertretenden Betriebsdirektors der Bagdadbahn die auf den Aussagen von zwei in Ras ul Ain beschäftigten Ingenieuren, einem Holländer und einem Luxemburger beruht, ein Trupp von 300 – 400 Frauen nackt auf der dortigen Bahnstation angekommen ist. Andere Trupps sind nach der gleichen Quelle noch in Ras ul Ain selbst von den in der Nähe wohnenden Tschetschen (Tscherkessen) und den Gendarmen ausgeplündert worden. Eine von acht Männern missbrauchte Frau hat sich auf die Schienen geworfen um ihrem Leben ein Ende zu machen. Der Zug konnte zum Stehen gebracht werden, worauf sie von einem deutschen Ingenieur nach Aleppo gebracht wurde.

9) Ein deutscher Beamter der Bagdadbahnbau-Gesellschaft, W. Spieker, dessen Aufzeichnungen über seine Beobachtungen jenseits des Euphrat ich in meinem Bericht vom 27. Juli – K.No. 81 – No. 1645 – einzureichen die Ehre hatte, hat Veranlassung gehabt, eine Reise nach Marasch anzutreten. Seine Aufzeichnung über das, was er dabei gesehen und gehört hat, lege ich in der Anlage gehorsamst vor. Es geht daraus hervor, dass im Mutesarriflik Marasch, insbesondere in den nördlich der gleichnamigen Stadt gelegenen Teilen mit den Armeniern ebenso umgegangen worden ist, wie im Gebiet der 3. Armee, obwohl Marasch zum Bereich der Armee Djemal Paschas (der 4. Armee gehört.).

Das in der Aufzeichnung genannte Gürün liegt allerdings noch im Wilayet Siwas, der Marsch von dort nach Marasch führt aber grösstenteils durch Marascher Gebiet.

10) Ein polnischer Ingenieur der Bagdadbahn, der Mossul am 10. August verlassen hat, kennzeichnete die Strecke bis Ras ul Ain dahin,: Verlassene Dörfer, gelegentlich Leichengeruch und vom Sand noch nicht verwehte Blutspuren. Man merkt, dass etwas aussergewöhnliches über das Land hingegangen ist.

11) Die Weisungen an die Bahnverwaltung über die Beförderung der Verbannten lauten gegenwärtig dahin, dass täglich ein Zug geht, nämlich wöchentlich 2 von Nordosten (Bahnstation Aktsche Küyünli für Leute aus Marasch und Aintab) 2 von Nordwesten (Bahnstation Katma für Leute aus Alexandrette, Beilan und dem Küstenstrich.) Diese vier Züge laufen durch Aleppo durch. Obwohl auf den Bahnhöfen hier stundenlanger Aufenthalt ist, werden die Insassen mit der grössten Strenge daran verhindert, die Stadt zu betreten.

Von Aleppo selbst gehen wöchentlich 3 Züge mit solchen Verbannten, die von Osten kommen oder sich sonst infolge fehlender Transportorganisation hier angesammelt haben. Ein Zug pflegt sich aus 30 – 35 Wagen zusammenzusetzen und 1500 bis 1600 Verbannte zu befördern, die meistens in Güterwagen, aber auch wenn verfügbar, in Personenwagen verladen werden. Es kommen also 50 – 55 Personen auf einen Wagen. Es ist ein Bild unbeschreiblichen Elends.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.


Rößler

Anlage 1


Abschrift

Urfa, den 23. August 1915

Hochgeehrter Herr Konsul

Der tägliche Ab- und zu Todetransport dauerte an bis zum 19. August. An diesem Tage untersuchte die Polizei verschiedene armenische Häuser. Sie fand in einem Hause einige Mauserpatronen. Im Weitersuchen öffnete sich plötzlich ein Tor eines Versteckes und drei Schüsse krachten, ein Polizist, ein Gendarm und ein Soldat fielen tot nieder. Die Anderen flüchteten und sofort verbreiteten diese die Nachricht, dass jeder Moslim sich bewaffnen solle weil die Giaur über die Moslim herfallen. Sofort stürmte von allen Seiten der Mob auf die Armenier ein und ein regelrechtes Massaker begann, dem wohl ca 200 Männer Armenier und Syrier zum Opfer fielen, bis die Nacht einbrach. Am folgenden Morgen hatte die Regierung wieder das Heft in den Händen und der Mob musste sich beruhigen. Seither Ruhe. Aber kein Armenier zeigt sich auf der Strasse, trotzdem die Regierung Sicherheit verspricht. Gerüchteweise verlautet, die beiden ..... Chalil und Ahmed Bey, von denen ich Ihnen schon schrieb, seien abgereist. Wollte Gott dass dies wahr sei! In Karaköprü – 1 Stunde von Urfa nördlich – und in der Haranebene arbeiten hunderte von Armeniern am Strassenbau, diese wurden angeblich alle dieser Tage erschossen. Doch diese Nachricht ist noch nicht definitiv bestätigt. Gebe Gott, dass sie nicht wahr ist!

Wir alle (deutsche Kolonie) befinden uns alle Gott sei Lob, wohl.


[Jakob Künzler]

N.B. Die Schüsse, welche aus dem Verstecke fielen, gab ein Armenier ab, der mit samt Waffe seinerzeit vom Militär sich geflüchtet hatte.


Anlage 2


Abschrift

Alep le 21 Août 1915

Monsieur le Consul

A Alep il y a une femme Obégi, habitant chez son beau frère Fathallah Obégi, quartier Tibi; cette femme était avec son mari Yorki Obégi et son beau frère Noury Obégi à Diarbekir. Elle y avait aussi ses quatre frères à elle. Quand les massacres nouveau genre ont commencé à Diarbekir, Noury Obégi avec sa famille s’est caché chez un agha de ses amis. On ne sait pas si l’hospitalité turque est équivalente à l’hospitalité arabe, mais toujours est il qu’on n’en a aucune nouvelle depuis. Yorki Obégi, sa femme, son garçon et sa fille et les quatre frères de sa femme, tous grecs catholiques, ont été envoyé en émigration; à peine sortis de Diarbekir, Yorki Obégi et les quatre jeunes gens, ainsi que les arméniens mals on été séparés des femmes et emmenés dans une autre direction et jamais plus aucune nouvelle n’est parvenue à la femme de son mari et de ses frères. En cours de route on a volé à la femme Obégi ses deux enfants et après des peines inouïs elle a pu retrouver son garçon, mais sa fille agée de 8 à neuf ans est disparue.

A Diarbekir il n’y avait pas seulement des arméniens. Où sont donc les hommes des autres rites? C’est une chose qu’il serait facile de demander au gérant du consulat la bas.

Un officier chrétien ottoman, qui se trouvait à Diarbekir et qui tient à rester anonyme m’a raconté qu’à Diarbekir il n’y avait qu’un seul prêtre grec; où est-il? il a été tué. Il m’a raconté aussi que le commissaire de police de la bas lui a dit qu’un certain exilé, Gabriel, a été massacré; qu’un nommé Atkinson et un autre Pascales qu’il croit être l’un sujet anglais et l’autre russe ont été tué il y a deux mois et le commissaire lui aurait dit qu’il les a tué lui même.

Pour me résumer il y a à Alep une quantité de femmes qui sont répartis dans leurs églises respectives – chaldéenne, – grecque, - syrienne etc. qui sont sans leurs maris; où sont donc ces hommes?

Un commerçant musulman de Malatié arrivé ces jours ci à Alep aurait répondu à un de ses amis chrétien d’ici qui lui a exprimé le désir (soi disant) d’aller encaisser quelques dettes à Malatié. „Malheureux, le montant de ces traites est donc plus important que votre vie. Mais il ne reste plus aucun chrétien à Malatié!!“ Le mouvement, s’il a été au début antiarménien, a subitement dégénéré en une révolte antichrétienne. Or il ne fait aucun doute et il serait très facile de s’en convaincre si on voulait faire une enquête sur les lieux ; mais quel es le malheureux chrétien qui pourrait s’en charger?!


[Name]
[Eigene Übersetzung]

In Aleppo gibt es eine Frau mit Namen Obégi, die bei ihrem Schwager Fathallah Obégi im Viertel Tibi lebt; diese Frau war mit ihrem Mann Yorki Obégi und dessen Schwager Noury Obégi in Diarbekir. Dort lebten auch vier Brüder von ihr. Nachdem die neuerlichen Massaker in Diarbekir begonnen hatten, versteckte sich Noury Obégi mit seiner Familie bei einem Agha seiner Freunde. Man weiß nicht, ob die türkische Gastfreundschaft der arabischen entspricht, aber man hat seither keine Nachricht mehr von ihm. Yorki Obégi, seine Frau, sein Sohn und seine Tochter, sowie die vier Brüder seiner Frau, allesamt katholische Griechen, sind deportiert worden; kaum, daß sie Diarbekir verlassen hatten, wurden Yorki Obégi und die vier jungen Leute, ebenso wie die männlichen Armenier, von den Frauen getrennt und in eine andere Richtung weggeführt. Seither hat die Frau von ihrem Mann und ihren vier Brüdern nichts mehr gehört. Auf dem Weg hat man der Frau Obégi ihre beiden Kinder geraubt. Nach großen Mühen hat sie ihren Sohn wieder gefunden, aber ihre Tochter von acht Jahren blieb verschwunden.

In Diarbekir gab es nicht nur Armenier. Wo sind die Mitglieder der anderen Glaubensgemeinschaften? Das wäre eine Sache, die man leicht den dortigen Vertreter des Konsulats fragen könnte.

Ein christlicher osmanischer Offizier, der sich in Diarbekir aufhielt und der anonym bleiben möchte, hat mir erzählt, daß es in Diarbekir nur einen griechischen Priester gab; wo ist er? Er ist umgebracht worden. Der christliche Offizier hat mir auch erzählt, daß der dortige Polizeikommissar ihm gesagt habe, daß ein gewisser Exilierter mit Namen Gabriel massakriert worden sei; und daß ein gewisser Atkinson und ein Pascal, von denen er glaubt, daß der eine ein Engländer und der andere ein Russe sei, vor zwei Monaten getötet worden seien. Der Polizeikommandant hätte ihm erzählt, er selbst habe sie getötet.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß es in Diarbekir eine Anzahl von Frauen gibt, die auf ihre jeweiligen Kirchen - chaldäische, griechische syrische - verteilt sind und die dort ohne ihre Männer sind. Wo sind also die Männer?

Ein muslimischer Händler aus Malatié, der dieser Tage nach Alep kam, habe zu einem seiner hiesigen christlichen Freunde gesagt, der ihm seinen angeblichen Wunsch äußerte, in Malatié einige Schulden eintreiben zu wollen: „Unglücksrabe! Die Höhe dieser Schulden ist demnach wichtiger als ihr Leben. In Malatié gibt es keinen einzigen Christen mehr!!“ Die Bewegung, wenn sie denn anfangs antiarmenisch gewesen ist, habe sich in eine antichristliche Revolte verwandelt. Daran besteht kein Zweifel und es wäre sehr einfach, sich davon vor Ort zu überzeugen, aber welch armer Christ würde das tun?


[Name]
Anlage 3

Abschrift

No. 1806

An das Kaiserliche Konsulat Damaskus


Aleppo, den 17. August 1915

Nachdem die Regierung sich entschlossen hat, auch die Städte Marasch, Aintab, Tarsus, Adana, Mersina und den Küstenstrich des Wilayets Aleppo von Armeniern räumen zu lassen, muss die Zahl der im Bereich der 4. Armee von der Verschickung betroffenen auf wohl 120000 bis 150000 geschätzt werden, 15000 liegen davon in Der ez Zor, etwa 10000 hier in Aleppo.

Während aus den östlichen Wilayets (Bereich der 3. Armee) noch täglich vielleicht 300 bis 400 Frauen und Kinder hier ankommen, werden die aus Aintab und Marasch mit der Bahn anlangenden Armenier ohne Aufenthalt nach Süden weiter geschickt. Es hiess zuerst, dass sie nach Damaskus gebracht werden sollten, um von dort aus im Hauran verteilt zu werden. Tatsache ist dass neuerdings tausende in Hama die Bahn verlassen müssen. Wie es scheint, sollen sie von dort aus nach Palmyra geschickt werden.

Für den Fall, dass von Hama aus Armenier auf der Landstrasse in Damaskus ankommen sollten, anstatt mit der Bahn befördert zu sein, würde ich für eine gefällige Mitteilung dankbar sein. Es würde dies der Härte entsprechen, mit der Armenier von Osten noch vielfach gezwungen werden, zu Fuss nach Aleppo zu wandern, anstatt von Ras ul Ain oder von den Stationen aus wo sie die Bahn erreichen, aus mit der Bahn befördert werden. (über 300 km).

Dass die Regierung in der Lage ist, die Masse der Verbannten zu ernähren, halte ich für ausgeschlossen, während ihnen jede Möglichkeit abgeschnitten ist, sich selbst ihren Unterhalt zu erwerben. Nicht nur die Städter sind auf dem Lande hilflos, sondern auch für den Bauern fehlt alles, vom Obdach bis zum Ackergerät, Vieh und Saatkorn.


[Rössler]

Anlage 4

Bericht eines Armeniers

Aleppo, den 23. August 1915

Von den, aus den Vilayeten Erzerum, Siwas, Diarbekir und Kharput Ausgewiesenen befinden sich 6000 in Aleppo, 3000 in Hama und Umgegend, 3000 in Der ez Zor und 1000 in Ras el Ain, im Ganzen also 13000 Witwen und Kinder. Unter diesen befindet sich keine männliche Person über 11 Jahre. Diese 13000 Witwen und Kinder hat man 2 - 5 Monate herumreisen lassen. Aus sicherer Quelle erfahren wir, dass die Zahl derer, die noch herkommen sollen, sich auf 60000 beläuft.

Diese aus den 4 Wilayeten gekommenen Witwen und Kinder hat man über Berge und Täler und über die ödesten und schlechtesten Wege geführt. In den 2 – 5 Monaten haben nur einige Partieen 3 oder 4 mal von der Regierung Brot bekommen. Ihres Geldes und ihrer Habseligkeiten sind sie gänzlich beraubt worden.

Aus Bakrmaden vom Vilayet Diarbekir sind 35 reiche und wohlhabende Familien, auch Witwen, ausgewiesen und haben 15 Tage gebraucht, um von Diarbekir nach Urfa zu kommen. Der sie begleitende Offizier durchsuchte all ihre Kleider und nahm ihnen ausser 300 Ltq. auch noch sehr viele Schmucksachen weg. Während der Reise durchsuchte er sie noch mehrere mal und liess gar nichts bei ihnen.

Die dritte Gruppe der aus Kharput ausgewiesenen bestand aus 1500 Personen, die in 4 Tagen in Arghen ankamen. Dort sagte der sie begleitende Offizier, es wäre Befehl gegeben, dass die Männer zur Ernte gehen sollten, sammelte alle männliche Personen über 11 Jahre und brachte sie in einen Chan. Die Frauen und Kinder mussten weiter. Nach 3 stündigem Marsche liess er im Freien Halt machen, er selbst ritt zurück nach Arghen und kam nach 7 – 8 Stunden gegen Abend zurück zu den Frauen und Kindern und sagte zu ihnen: „die Männer sind zur Ernte gegangen.“ Den andern Morgen, nachdem sie zwei Stunden gegangen waren, kamen sie in ein Kurdendorf, wo sie Aufenthalt hatten. Dort sagte ihnen der sie begleitende Offizier: „Welche Frau Gold oder Schmucksachen bei sich hat, muss sie mir sofort abgeben, wer mehr als 40 Piaster bei sich behält, wird niedergeschossen. Das Geld und die Schmucksachen, die ihr mir jetzt gebt, bekommt ihr in Diarbekir zurück.“ Nachdem er ihnen das versprochen hatte, gaben ihm die Frauen den grössten Teil ihres Geldes und ihrer Schmucksachen. Am 2. Abend durchsuchte derselbe Offizier die Kleider und den ganzen Körper der Frauen und Mädchen, sogar die Beinkleider zog er ihnen aus und suchte mit Händen und Augen nach Geld. Die 10 Gendarmen, die mit diesem Offizier zusammen waren, belästigten die Frauen auf der ganzen Reise und sagten zu ihnen: „Gebt euer Geld nur uns, und nicht dem Offizier, wir geben es euch in Diarbekir zurück, aber der Offizier will alles für sich behalten.“ In Diarbekir angekommen, bekamen sie einfach nichts zurück, blieben einen Tag in Diarbekir und mussten die nächste Nacht weiterreisen. Dort war es, wo junge Frauen und Mädchen von Offizieren und Gendarmen entführt wurden. Als sie aus Diarbekir herausreisten, kam der Offizier, der sie bis dorthin begleitet hatte, mit einigen Gendarmen und suchte sich mehrere hübsche junge Mädchen und Knaben aus und liess die übrigen mit 6 – 7 Gendarmen zurück, er selbst ging mit seiner Beute davon. Auf dem Weg nach Mardin nahmen die Gendarmen den Ausgewiesenen ihre wenigen Habseligkeiten, ihr bischen Brot und die wenigen übrig gebliebenen Schmucksachen weg. Da die sie begleitenden Gendarmen nun wussten, dass die Ausgewiesenen gar kein Geld mehr bei sich hatten, quälten sie sie auf der 4 tägigen Reise von Mardin nach Ras el Ain, indem sie ihnen kein Trinkwasser gaben. Sie verkauften viele junge Mädchen und Knaben an Kurden und andere, oder verschenkten sie auch, so dass von den 1500 Personen, die von Kharput ausgewiesen wurden, nur 500 in Ras el Ain ankamen. Ca. 1000 sind unterwegs entweder verschmachtet liegen geblieben, oder entführt oder verkauft und nicht wenige getötet worden. Die Frauen sind ohne Ausnahme ausgeraubt worden und mehrere mussten sich nicht weniger als 9 mal die Beinkleider ausziehen und sich von den sie begleitenden verschiedenen Offizieren und Gendarmen durchsuchen und ansehen lassen. Alle erdenkliche Schlechtigkeit und Bosheit haben die aus Kharput Ausgewiesenen einzig und allein von den sie begleitenden Offizieren und Gendarmen erdulden müssen.

Aus Mudurga, einem Dorf in der Nähe von Erzerum ist die ganze Bevölkerung von ca 2300 Personen ausgewiesen. Unterwegs trennte man die Männer von den Frauen und führte die letzteren nicht auf der richtigen Landstrasse sondern über Berge und auf der ganzen Reise bekamen sie von der Regierung 4 mal 1 Brötchen. 2 Tage lang bekamen sie keinen Tropfen Wasser zum Trinken, obwohl es Wasser gab, sondern die Frauen und Kinder wurden, halb verdurstet von den Gendarmen weiter getrieben; täglich blieben 30 – 40 Frauen und Kinder unterwegs verschmachtet liegen und einige von denen wurden von den sie begleitenden Gendarmen totgeschossen. Unter den Ausgewiesenen befindet sich kein einziger, der nicht 7 – 10 mal ausgeplündert ist. Die Gendarmen und mit deren Erlaubnis auch Kurden haben die Frauen und Mädchen vergewaltigt. Von diesen 2300 kamen nur 4 Frauen, 4 Mädchen und 3 Knaben ganz elend in Aleppo an.

Obwohl die Zahl der Witwen und Waisen die in Aleppo, Hama, Der ez Zor und Ras el Ain sind, nur 13000 beträgt, war die Zahl der nach Aleppo verschickten, als sie die Vilayete Erzerum, Siwas, Kharput und Diarbekir verliessen 35 – 40000. Aus der obenerwähnten Zahl ist zu ersehen, dass 65 Prozent innerhalb 2 – 5 Monaten getötet oder vor Hunger und Durst umgekommen sind. Unter diesen 65 Prozent befanden sich 39 % männliche Personen über 10 – 11 Jahre und 8 % Frauen, 13 % junge Frauen und Mädchen und 5 % Knaben sind mit Bewilligung der Gendarmen entführt worden. Der Rest nämlich 35 % Frauen und Kinder sind in Aleppo angekommen. 72 von Hundert der Angekommenen waren krank mit wurmigen Wunden an den Füssen. Die etwa 6000 Witwen und Waisen die in Aleppo sind, sind bis auf 40 oder 50 barfuss. Ihre Fussbekleidung ist mit Erlaubnis der sie begleitenden Gendarmen von Kurden und Türken genommen und jedes einzelne Kleidungsstück und Bettzeug mehrmal durchsucht. Zu bemerken sei noch, dass ausser den entführten jungen Frauen und Mädchen 25 v.H. die ein mehr oder weniger besseres Aussehen hatten, von den sie begleitenden Gendarmen, von Kurden und Türken, tags oder nachts mit Gewalt bei Seite gezogen und vergewaltigt worden sind, einige schönere sogar von 10 – 15 Männern hintereinander. Ein ganzer Haufen Frauen und Mädchen sind auf diese Art unterwegs liegen geblieben.

Für alle in Aleppo angekommenen 6000 Witwen und Waisen ist es unmöglich Kleider und Betten zu verschaffen. Die hiesigen Armenier und einige Freunde haben in den letzten Monaten den, aus den Wilayeten Aleppo und Adana und den aus Marasch und Umgegend ausgewiesenen 50000 Armeniern, mit Geld, Kleidungsstücken, Betten u.s.w. soviel sie konnten geholfen und somit versiegen die Hilfsquellen für die Neuangekommenen. Jeden Tag bekommen die Armen ein Brötchen (300 Gr.) tausende von Kranken bekommen Arznei und werden verbunden. Die tägliche Ausgabe für die Ausgewiesenen in Aleppo beträgt 50 Pfund und das reicht nicht aus, um alle am Leben zu erhalten. In diesen letzten 10 Tagen vom 11. – 21. August sind durchschnittlich 25 gestorben und die Zahl der Sterbenden wird sich noch vervielfachen.

Nachtrag: Auch bis zum 2. September hat die Zahl der täglichen Sterbefälle durchschnittlich 25 betragen.


Anlage 5
Aleppo, den 2. September 1915.

Vom 28/7 - 20/8 machte ich in Sachen meiner Farm eine Reise nach Marasch. In Beschgös, zwischen Aintab und Killis, unterhielten sich die Leute des Dorfes darüber, dass man mit dem morgigen Tage auch in Aintab mit der Ausweisung der Armenier beginnen werde. Nach einer Weile gesellte sich ein fein gekleideter Herr hinzu, seinem Aussehen nach Tscherkesse, halb Civil- halb Offizierskleidung tragend, und erkundigte sich: Aus welchem Stadtteile gehen Leute fort, welchen Weg, was für Leute; sind es Leute, bei denen was zu haben ist. Als ihn einer der Anwesenden fragte, ob er Civil- oder Militärperson sei, sagte er schmunzelnd: „Giebt es eine günstigere Gelegenheit, Soldat zu sein, als die jetzige.“ Als der Betreffende sich dann auch dahin ausliess: „Diesmal hat Deutschland diesen Ungläubigen, Schweinen (kjauerlar, hynsyrlar) eine Lektion gegeben, die sie nicht vergessen,“ hielt es mich nicht, ihm zu antworten, es hiesse den Deutschen Namen beschmutzen, wenn man den Deutschen Namen in Sachen nennte, wie ich sie soeben hätte anhören müssen. Auf meiner Rückreise erfuhr ich, dass der zweite Transport aus Aintab bis aufs Hemd ausgeraubt wurde, wie man mir von verschiedenster Seite versicherte im Einverständnis mit einigen Regierungsbehörden, zu denen der obengenannte fragliche Herr auch allem Anschein nach Beziehung haben musste. Ueber diesen Raubanfall habe ich schon früher berichtet. Der Wali von Aleppo hat strafend eingegriffen. Der Mutesarrif von Aintab ist abgesetzt worden.

3 Stunden nördlich Aintab nahmen die muselmannischen Bewohner des Dorfes Sam einem Transport Ausgewiesener aus Tschürükkos ein Mädchen mit Gewalt ab. Gegen 5 Medj. wurde das Mädchen zurückgegeben; 3 Medj. brachten die Ausgewiesenen – durchweg arme Leute – selbst auf, 2 Medj. zahlten Freunde aus Aintab; der Mädchendieb kam mit bis Aintab, um das Geld in Empfang zu nehmen.

In Karaböjük, zwischen Aintab und Marasch, begegnete ich einem Transport Armenier, etwa 40 Frauen und Kinder und 5 – 6 Männer. Dicht vor ihnen in einem Abstand von etwa 200 Metern gingen etwa 100 neu eingezogene Soldaten. Unter den Frauen befand sich ein junges Mädchen, eine Lehrerin, die mehrere Jahre in Deutschen Diensten stand; sie war soeben von einer schweren Typhuserkrankung genesen. Diese und eine junge Frau, deren Mann zr.Zt. in Damaskus Soldat ist, verlangten die Soldaten mit Gewalt für die Nacht. Nur dadurch, dass die muselmannischen Maultiertreiber auch für die Frauen eintraten, konnten die Soldaten zu 3 Malen zurückgehalten werden.

Am 6. August wurde das Dorf Fundadschak bei Marasch mit etwa 3000 Einwohnern in Grund und Boden geschossen. Die Bevölkerung, fast durchweg Maultiertreiber, hatte in den letzten 3 Monaten vielfach Armenier in Richtung über den Euphrat transportieren müssen. Sie hatten mit eigenen Augen die Toten im Euphrat gesehen, hatten gesehen wie Frauen verkauft und vergewaltigt wurden. „Sew-gülü [sevgili] ölüm (erwünschter Tod)“ hatten nach Marasch gekommene Fundadschakleute den Deutschen gegenüber sich geäussert, als die Rede auf frühere Massacres kam. Als dann etwa 30 armenische Räuber mit Gewalt in das Dorf eindrangen und jeden niederzuschiessen drohten, der sich der Regierung stellen würde, auch thatsächlich einige, die zu fliehen suchten, niederschossen, war das Dorf gezwungen, sich der Regierung zu widersetzen. In einer armenischen Schule in Marasch sah ich über 100 Frauen und Kinder aus Fundadschak mit zerschossenen Beinen, zerschossenen Armen und allen möglichen Verstümmelungen, darunter Kinder von 1 und 2 Jahren.

Am 13. August wurden in Marasch 34 Armenier, Leute aus den umliegenden Dörfern von Marasch, aus Furnus, Schiwilgi etc., erschossen, darunter auch 2 zwölfjährige Knaben. Am 15/8 wurden wieder 24 erschossen und weitere 14 erhängt, ebenfalls Leute aus den umliegenden Dörfern von Marasch. Die 24 Männer waren mit einer schweren Kette um den Hals an einander gebunden und wurden im Kreise (Knäuel) aufgestellt; in Gegenwart der muselmannischen Bevölkerung wurden sie hinter dem amerikanischen College erschossen. Ich war Augenzeuge, wie man die noch in Todeszuckungen liegenden Leichname der Willkür einer rohen Civilbevölkerung preisgab, die die Erschossenen an Händen und Füssen zerrten, und zur Ergötzung der umstehenden muselmannischen Bevölkerung gaben Polizisten und Gendarme noch während einer halben Stunde fortwährend Revolverschüsse auf die z.T. furchtbar entstellten Leichname ab. Hernach gingen dieselben Leute vor das Deutsche Krankenhaus und schrieen: „jaschasin almanija“ (hoch lebe Deutschland). Muselmannen haben mir es wieder und wieder gesagt, dass Deutschland es sei, das die Armenier auf diesem Wege ausrotten liesse.

Auf dem Wege von der Stadt zur Farm sah ich am Rande der Stadt einen Menschenkopf auf einem Misthaufen liegen, den sich türkische Knaben als Zielscheibe aufstellten. In Marasch selbst wurden während meines Dortseins täglich Armenier von der Civilbevölkerung umgebracht, deren Leichname tagelang in Abzugsgräben oder sonstwo liegen blieben.

Circa 2800 Ausgewiesene aus Gürün wurden in Airan-Punar, 12 Stunden nordöstlich von Marasch, ausgeraubt von 8 Räubern, die z.T. Offiziers- z.T. Soldatenuniform trugen. In Qysyl-Getschid, 1 1/2 Stunden von Airan-Punar, gesellten sich die 8 Räuber zu den den Transport begleitenden Gendarmen und unterhielten sich eine geraume Zeit mit diesen. In Airan-Punar liessen die Gendarmen die Leute sich trennen, die wenigen Männer extra und die Frauen extra. Ein Teil der Frauen wurde nackt ausgezogen und nach Geld untersucht; 4 Frauen und 2 Mädchen wurden in der Nacht fortgeschleppt und vergewaltigt; 5 davon kehrten am andern Morgen zurück. In einem Engpass des Engissek-Dagh wurde der ganze Transport völlig ausgeraubt von Aghdschadarli-Kurden, von Nurghakli-Kurden, von Setraklik- und Helete Türken unter Anführung eines Kurden, namens Tapo, einem Sohn des bekannten Kurden-Aghas Hassan Agha in Serajköj, welcher letzterer einem Deutschen Herrn und mir früher bei einer gelegentlichen Reise nach Malatia offen gestanden hatte: „Hier seid Ihr meine Gäste; eine Stunde von hier habe ich keine Verantwortung mehr für Euch; ich könnte ev. selbst in Versuchung kommen, Euch auszurauben.“ Bei diesem Ueberfall wurden etwa 200 Personen getötet; 70 Schwerverwundete mussten zurückgelassen werden, weitere über 50 Verwundete wurden mit dem Transport abgeführt. Ich begegnete dem Transport von etwa 2500 Personen in Karaböjük. Die Leute befinden sich in einem unbeschreiblich elendem Zustande. 1 Std. vor Karaböjük lagen 2 Männer am Wege, einer mit 2, der andere mit 7 Stichwunden; weiter ab 2 erschöpfte Frauen, weiter 4 Frauen, darunter ein etwa 13jähriges Mädchen mit einem 2 Tage alten Kinde in Lumpen gehüllt im Arm. Ein am Wege liegengebliebener Mann von etwa 60 Jahren, mit einer fingerlangen und 2 Finger breiten tiefen Wunde im Gesicht, sagte mir, dass er mit 13 Tieren von Gürun fortgegangen sei. Sämtliche Tiere und Waren wurden ihm in Airan-Punar abgenommen, und zu Fuss hatte er sich bis eine Stunde vor Karaböjük geschleppt, wo er erschöpft zusammenbrach. Diese Leute waren durchweg wohlhabende Leute; man schätzt den Wert der geraubten Tiere, Waren und Gelder auf 8000.- Ltq. Erschöpfte werden am Wege liegen gelassen; man sieht zu beiden Seiten der Strasse von Karaböjük nach Marasch Tote liegen. Unter diesem Transport von 2500 Personen sah ich keine Männer ausser vielleicht 30-40. Die Männer über 15 Jahren waren vor den Frauen abgeführt und wahrscheinlich getötet worden. Diese Armenier wurden absichtlich auf Umwegen und gefährlichen Wegen fortgeschafft anstatt auf dem direkten Wege von 4 Tagen über Marasch; sie waren bereits einen Monat unterwegs. Ohne Tiere, ohne Betten, ohne Nahrung mussten sie reisen und erhalten täglich einmal dünnes Brot (jukhar ekmek) und davon auch nicht genug, um sich einmal satt essen zu können. 400 Personen von diesen, Protestanten, sind inzwischen in Aleppo eingetroffen; von ihnen sterben täglich 2-3. Der Ueberfall in Airan-Punar geschah im Einverständniss mit dem Kaimakam von Albistan, der sich von den Armeniern 200.- Ltq. hatte zahlen lassen und den Leuten versprochen hatte, er würde Sorge tragen, dass sie sicher bis Aintab kämen. Der Kaimakam von Gürün hatte sich 1020.- Ltq. zahlen lassen und dieselbe Versicherung abgegeben. Ich sah einen armenischen Lehrer, der mit andern zusammen im Clubzimmer in Gürün dem Kaimakam diesen Betrag ausgehändigt hatte. In der Nähe von Aintab wurden mehrere Frauen dieses Transportes von Civilpersonen aus Aintab in der Nacht vergewaltigt. Bei dem Ueberfall in Airan-Punar wurden Männer und Frauen an Bäume gebunden und verbrannt. Hekkasch ef., ein den Transport begleitender Gendarmentschausch, stach einen zurückgebliebenen Mann mit seinem Seitengewehr nieder. Noch während des Auszuges aus Gürün riefen die Mollah von den Dächern der christlichen Kirchen aus zum Gebet der „Gläubigen“. Ein Augenzeuge, ein Armenier aus Marasch, der als Müller in einem Dorfe in der Nähe von Airan-Punar beschäftigt war und während des Ueberfalls von dort entfloh, erzählte mir, wie er 2 Brüder in der Nähe seiner Mühle sich zanken sah wegen der Beute, wobei einer äusserte: „Wegen dieser 4 Lasten habe ich 40 Frauen umgebracht.“

Ein mir seit Jahren bekannter Mohamedaner in Marasch, namens Hadji, erzählte mir folgendes: Bei Nissib wurden ich und sämtliche Maultiertreiber in einen Khan gesperrt und die Thür abgeschlossen; mehrere junge Frauen aus Furnus wurden von den den Transport begleitenden Gendarmen und von Civilpersonen vergewaltigt.

In Aintab im Büro des Polizeikommissars sagte ein muhamedanischer Agha in meiner Gegenwart einem Armenier: bei dem und dem hat man [nicht entziffert] Briefe gefunden, was für Beziehungen hast du zu diesen Leuten; ich habe dir so oft gesagt, du solltest Muhamedaner werden; hättest du auf mich gehört, wärest du jetzt allen Unannehmlichkeiten entgangen, denen dein Volk ausgesetzt ist.

Kadir Pascha in Marasch sagte mir: Ich weiss, dass im Bereich der 3. Armee laut Regierungsorder sämtliche männliche Bevölkerung getötet ist.

Am 20/8, abends 6 Uhr, wurde in Marasch bekannt gegeben lt. Befehl des Vali von Adana, dass bis zum nächsten Tage, mittags 12 Uhr, die männliche Bevölkerung über 15 Jahren – 5000 Mann – reisefertig vor der Stadt stehen müsse; wer nach 12 Uhr noch in der Stadt sei, würde ohne weiteres niedergeschossen werden. Jeder wusste, was dieser Befehl der Regierung zu bedeuten hatte, und wir haben Stunden furchtbarster Panik durchlebt. Im letzten Augenblick wurde der Befehl des Vali durch Fürsprache des sehr menschenfreundlichen Mutesarrifs von Marasch dahin geändert, dass die Männer mit ihren Familien zusammen ausziehen könnten. Noch am 18/8 hatte der Vali von Adana, der zu der Zeit in Marasch weilte, die geistlichen Behörden rufen lassen und ihnen versichert, dass die Armenier Maraschs nicht ausgewiesen würden; so mussten die ersten die Stadt verlassen ohne jegliche Vorbereitung.

Im Dorfe Bölveren bei Albistan wurden sämtliche armenischen Einwohner, 82 Personen, bis auf einen 12jährigen Knaben, der sich ins Wasser warf und entkam, getötet. Der Knabe hat sich nach Marasch gerettet.

In der Nähe Seituns wurden die Bewohner eines Dorfes, in dem die Pockenkrankheit herrschte, ausgewiesen. Die Pocken-Kranken, darunter durch Pocken Erblindete, wurden in Marasch in Khans untergebracht, die bereits mit Ausgewiesenen aus andern Dörfern angefüllt waren.

In Marasch sah ich einen Transport von vielleicht 200 Personen, darunter verschiedene Blinde. Eine etwa 60jährige Mutter hatte ihre von Geburt lahme Tochter an der Hand; so traten sie zu Fuss die Ausreise an. Nach einem Marsche von einer Stunde blieb bereits ein Mann an der Erkeness-Brücke liegen; er wurde ausgeraubt und getötet; noch nach 4 Tagen sahen wir seinen Leichnam in einem Graben liegen.

Vor einigen Tagen besuchte ich hier in Aleppo einen Bekannten. Bei dem Betreffenden waren eine Mutter und ihr Kind zu Gaste, Ausgewiesene aus Siwas, die beiden Ueberlebenden von 26 Familienangehörigen, welche vor 3 Monaten aus Siwas ausgewiesen wurden und in diesen Tagen hier angekommen waren.

Bei Basch-Punar, nordöstlich von Aintab, gegenüber dem Dorfe Sam, lagen Männer, deren Köpfe verbrannt, und Frauen, deren Leiber aufgeschnitten waren, tagelang. Ein Mann und eine Frau waren zusammengebunden. Zwei Stunden diesseits Aintab wurde in einem an der Fahrstrasse Aintab-Kilis gelegenen Khan ein etwa 25jähriger Armenier ermordet. Mit einer Cigarette im Munde, einer Cigarette hinter dem Ohr, den Schnurbart mit Mist bestrichen, wurde der Leichnam in der Thür des Khans aufrecht aufgestellt. Den Vorübergehenden rief man zu: „Seht diesen haschasch (Raufbold) [gemeint ist ein Kachach (Derserteur oder Flüchtling)], wie er noch rauchen kann.“

5 Stunden hinter Marasch begegnete ich auf meiner Herreise 7 türkischen Soldaten. Mit mir reisten 6 armenische Mädchen, 5 davon Schülerinnen des amerikanischen Lehrerinnenseminars, eine Lehrerin aus dem deutschen Waisenhause. 20 Schritt vor der Karawane legte einer der Soldaten zum Schiessen an und schoss in die Luft. Ein anderer Soldat riss einem der Mädchen den Schirm aus der Hand und hätte gewiss andere Gewalttätigkeiten begangen, wenn ich nicht inzwischen hinzugesprengt wäre. Als ich mit meiner Peitsche nach ihm ausholte, suchten alle das Weite.

Auf dem Wege nach Tschamostil bei Marasch legte ein Dorfsmann, ein Mollah, sein Gewehr (Martini) auf einen mich begleitenden Armenier an. Nur dadurch, dass ich den Mollah hart anfuhr und auf ihn zuritt, konnte ich den Armenier retten. Auf dem 2 ½ Stunden langen Wege sahen Bekannte von mir Leichname Erschossener tagelang unbeerdigt liegen.


W. Spieker


[Der obige Bericht von Spieker befindet sich unter der Überschrift „Aus den Aufzeichnungen eines in der Türkei verstorbenen Deutschen“ auch im 2. Heft der vom Ausschuß des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien herausgegebenen Hefte „Material zur Beurteilung des Schicksals der Armenier im Jahre 1915/16“, das sich in den Akten befindet. Der dortige Bericht enthält zwar einige Auslassungen und Änderungen, ist aber um die folgenden Ausführungen umfangreicher]

Von 18000 aus Charput und Siwas Ausgewiesenen kamen in Aleppo 350 Personen (Frauen und Kinder) an und von 1900 aus Erzerum Ausgewiesenen kamen 11 Personen – ein kranker Knabe, 4 Mädchen und 6 Frauen – in Aleppo an. Ein Transport Frauen und Mädchen mußten den 65 Stunden langen Weg von Ras-el-Ain nach Aleppo längs der Bahn zu Fuß zurücklegen, obwohl in den Tagen die für Militärtransporte benützten Wagen leer zurückfuhren. Mohammedanische Reisende, die den Weg kamen, berichten, daß die Wege unpassierbar seien wegen der vielen Leichen, die unbeerdigt zu beiden Seiten des Weges liegen und deren Verwesungsgeruch die Luft verpeste. Von den „Uebriggebliebenen“ und bisher nicht weiter Verschickten starben in Aleppo bis heute 100 bis 200 Personen an den Folgen der Strapazen. Wenn die ausgehungerten und zum Skelett abgemagerten Frauen und Kinder in Aleppo ankommen, fallen sie wie Tiere über das Essen her. Bei Vielen arbeiten die inneren Organe bereits nicht mehr, nach 1 – 2 Löffel Essens wird der Löffel wieder beiseite gelegt. Die Regierung gibt an, daß sie den Ausgewiesenen Nahrung verabreiche; der obenerwähnte Transport aus Charput erhielt in drei Monaten ein einzigesmal Brot.

Abgesehen davon, daß die Regierung die Leute nicht versorgt, läßt sie ihnen alles abnehmen. In Ras-el-Ain kam ein Transport von 200 Mädchen und Frauen völlig nackt an, Schuhe, Hemd, kurz alles hatte man ihnen genommen und ließ sie vier Tage lang nackt unter der heißen Sonne gehen – 40 Grad im Schatten – verhöhnt und verspottet von den sie begleitenden Soldaten. Herr ... sagte, daß er selbst einen Transport von 400 Frauen und Kindern in demselben Zustande gesehen hat. Appellierten die Unglücklichen an das Menschlichkeitsgefühl der Beamten, so wurde ihnen die Antwort: „Wir haben von der Regierung strikte Befehle, euch so zu behandeln.“

Anfangs wurden in Aleppo die Toten in von der armenischen Kirche zur Verfügung gestellten Särgen auf den Friedhof gebracht. Hamals [Lastträger]. besorgten das und bekamen für jeden Toten 2 Piaster. Als die Hamale es allein nicht schaffen konnten, brachten die Frauen selbst ihre Toten auf den Friedhof, die kleinen Kinder auf dem Arm, die größeren auf einem Sack, den 4 Frauen an je einem Zipfel hielten. Ich sah Tote, die quer auf einen Esel gelegt zum Friedhof geschafft wurden. Ein Bekannter von mir sah einen Toten an einem Stock gebunden, der so von 2 Männern fortgetragen wurde. Ein anderer sah, wie ein Ochsenwagen voll Toter zum Friedhof geschafft wurde. Der zweirädrige Karren konnte nicht durch die enge Friedhofstüre. Der Knecht drehte kurzerhand den Wagen um und leerte ihn.



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