1917-07-14-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14097
Zentraljournal: 1917-A-23271
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 07/15/1917 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 04/22/2012


Der Direktor der Deutschen Evangelischen Missions-Hilfe August Wilhelm Schreiber an das Auswärtige Amt

Schreiben



BerlinSteglitz, den 14. Juli 1917

Als Vorstandsmitglied der Deutschen Blindenmission im Orient ging mir von dem Leiter unseres Blindenheims in Malatia, Ernst I. Christoffel, ein Brief vom 26. März ds.Js. zu, der die Anschauung des Herrn Christoffel über die Lage und Zukunft der Armenier in Kleinasien enthält. Ich erlaube mir denselben in Abschrift zur Kenntnisnahme vorzulegen, ohne zu den Mitteilungen Stellung zu nehmen.

A. W. Schreiber

Anlage


Abschrift.

Bericht des Herrn Ernst I. Christoffel, Vorsteher des Blindenheims Malatia über die Lage der Armenier, an Pastor G. Stoevesandt, Berlin.


Malatia, 26. März 1917.

Ich benutze eine günstige Gelegenheit, um durch einen lieben feldgr. Besuch zensurfreie Nachricht zu geben. In der Hauptsache die Lage der orientl. Christen Betreffendes, während ich die Anstalt Betreffendes an Frau Dr. Schr. schreiben will, und ich bitte Sie beide die Briefe auszutauschen.

Die Verluste des arm. Volkes seit der Verschickung Sommer 1915 bis heute übersteigen 2 Millionen. Ein Teil wurde in den Gefängnissen, nach fürchterlichen Folterqualen, getötet. Von Frauen und Kindern starben die Meisten auf dem Wege in die Verbannung, an Hunger Seuche und auch Mord. Auf Einzelheiten kann ich nicht eingehen. Sollte mein l. Freund, Andreas Krüger, Gelegenheit haben Sie zu sehen, so kann er mehr oder weniger meine nackten Sätze illustrieren.

Ein kümmerlicher Rest der Verschickten fristet in den Ebenen Syriens und Nordmesopotamiens ein elendes Dasein, und wird durch Seuchen und Zwangsbekehrungen täglich kleiner. Männer sind nur vereinzelt übrig geblieben. In den Städten Anatoliens befindet sich noch eine Anzahl Versprengter, Geflüchteter, die aber meistens zum Islam übergetreten sind. Neben den Zwangsbekehrungen, die in Massen stattfanden, stand als ein anderes charakteristisches Zeichen die Massenadoption arm. Kinder. Es handelt sich da um viele tausende. Sie werden künstlich zu fanatischen Moh. gemacht. Das Morden hat nachgelassen, aber der Vernichtungsprozess hat nicht aufgehört, hat nur andere Formen angenommen.

Den Leuten ist alles geraubt worden. Eigentum, Familie, Ehre, Religion, Leben. Im Herbst 1915 kam für die prot. und kathol. Armenier wahrscheinlich auf Veranlassung der deutschen und österreichischen Botschaft, ein Gnadenerlass heraus, der diese vor der Verschickung bewahren und sie in Besitz ihres Eigentums lassen sollte. Er war nur wie ein Schlag ins Wasser. Meistenteils wurde er unterdrückt bis die prot. Männer getötet waren, und auch für die Frauen und Kinder hatte er kaum praktische Bedeutung.

Vom schwarzen Meer bis nach Syrien ist die Predigt von Gottes Wort verstummt, ausgenommen in den deutschen Anstalten, die prot. Gemeinden sind vernichtet. Ihre Prediger, bis auf einzelne Ausnahmen (mögen 4 - 5 sein), getötet. Ihre Kapellen und Schulen weggenommen, geschändet oder zerstört. Dasselbe gilt von den kathol. und altarmenischen Gemeinden.

Den armenischen revolutionären Kreisen die Verantwortung zu zuschieben ist ein Unsinn. Die haben vom türk. Standpunkt aus schwer gefehlt, nicht so vom armenischen aus. Die Nation als solche war nicht schuldig, sondern nur eine kleine Minderheit. Das weiss die türk. Regierung so gut wie jeder in diesem Lande. Für uns deutsche Missionare ist es unsagbar schwer, dass Deutschland von Christen und Mohamedanern als der Urheber der Greuel angesehen wird. Die Ansicht wird von türk. Seite genährt und gestärkt. Bleibt dieser Vorwurf auf Deutschland haften, dann wird er auf Jahrzehnte hinaus das grösste Hindernis deutscher Mission sein, sowohl den Christen wie den Mohamedanern gegenüber. Nachrichten aus türk. oder turkophilen Kreisen sind entweder glatt abzulehnen, oder mit grösstem Misstrauen zu behandeln. Wenn jemals diese Verfolgung untersucht werden sollte, so müsste von deutscher Seite darauf gedrungen werden, dass damit

1) unparteiische, unabhängige Männer beauftragt würden, die auch Verständnis für die religiöse Seite der Frage haben.

2) Den Armeniern, die zwangsweise zum Islam bekehrt wurden, muss Gelegenheit gegeben werden, den Uebertritt rückgängig zu machen und zwar dieses, ohne dass sie für Leib und Leben zu fürchten haben.

3) Die Verwandten derjenigen Kindern, die in mohamedanischen Häusern weilen, müssen das Recht haben, dieselben zurück zufordern.

4) Die Gottesdienstlichen und Schulgebäude müssen zurückgegeben werden.

5) Das immobile Eigentum muss zurückgegeben, oder der Wert ersetzt werden.

6) Den Armeniern muss die Auswanderung erlaubt sein.

7) Der christliche Gottesdienst darf nicht verhindert werden.

Wir deutsche Missionare hier im Innern können nicht viel mehr tun, als das unsagbare Leid der orientalischen Christenheit, mehr oder weniger passiv mitzutragen. Aktivität aber ist Sache der deutschen ev. Christenheit und bei den deutschen ev. Missionskreisen.

Ich bin überzeugt, wenn man die Wahrheit wüsste, würde ein einziger Schrei der Entrüstung durch unser Volk gehen. Es ist kein Zweifel, das was dem arm. Volke angetan wurde und noch angetan wird, ist das grösste Verbrechen der Weltgeschichte. Wird das Volk der Reformation die gänzliche Vernichtung einer christl. Nation durch eine degenerierte, minderwertige Rasse als gegebene Tatsache hinnehmen? Wird die deutsch evangelische Kirche, die in diesem Jahr ihre Reformationsjahrhundertfeier begehen will, kein Wort des Protestes dafür haben, dass hier eine Schwesterkirche von sadistischen Fanatikern zerstört wurde? Das wäre nicht deutsch, nicht christlich.

Bitte machen Sie von meinem Brief Gebrauch, wo Sie können. Womöglich lassen Sie auch Exzellenz Dryander Einsicht nehmen.

Gott aber, der Herr der Kirche, wolle Sie in allem leiten.

Und dann noch eins: Wir brauchen materielle Hülfe, und wieder Hülfe und nochmals Hülfe. Es stehen missionarische Güter von höchstem Werte auf dem Spiel.

Bitte empfehlen Sie mich bei Ihrer verehrten Frau Gemahlin.

Mit herzlichen Gott befohlen Ihr getreuer


[Ernst I. Christoffel.]


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