1919-05-21-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14106
Zentraljournal: 1919-A-20981
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 07/27/1919
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Geschäftsbericht der Deutsch-Armenischen Gesellschaft

Bericht



Erstattet auf der Generalversammlung am 21. Mail 1919 von Generalsekretär Ewald Stier
Es sind im nächsten Monat fünf Jahre vergangen, seit die Deutsch-Armenische Gesellschaft begründet worden ist. Mit vollen Segeln fuhren wir damals aus. Wir hatten unsere Fühler weithin gestreckt, nach überall, wo Armenierfreunde waren und wir Verständnis für die Zwecke unserer Gesellschaft zu finden hofften, nach Paris und Genf, Kopenhagen und Kristiania, Wien und Budapest, vor allem nach Rußland. Da kam, als wir eben die zweite Nummer unserer Zeitschrift herausgeben wollten, für die das Manuskript fertig dalag, der Krieg und schnitt uns vom Auslande ab. Wir haben den Kreis unserer Freunde nicht sammeln können, wir haben weder Mitglieder noch Abonnenten für die Zeitschrift gewinnen können, ja es war unmöglich, die fer-tige Nummer zu drucken, da unsere Druckerei in Wien lag. Wir haben sofort unsere Gesellschaft auf eine andere Bahn leiten und unsere Tätigkeit auf anderen Gebieten entfalten müssen.

Schon am 26. August trat unser Vorstand, der während der Kriegszeit die Arbeit der Gesellschaft allein hat führen müssen, ohne sich mit den Mitgliedern beraten zu können, zu einer Sitzung zusammen und beschloß, die Hilfsarbeit für die in Deutschland weilenden Armenier zu übernehmen. Der größte Teil von ihnen stammte aus Rußland und war mit Beginn des Krieges den für die feindlichen Ausländer geltenden Bestimmungen unterworfen. Wir haben versucht, bei den zuständigen Behörden eine Sonderung der Armenier von den übrigen russischen Untertanen zu erreichen, wie das ja für die Balten und andere Fremdstämmige gelungen war. Wir machten eine Eingabe an das Auswärtige Amt, es möchte den in Deutschland befindlichen Armeniern, die in die Heimat abzureisen wünschten, die Erlaubnis dazu gegeben werden und die im Lande Verbleibenden möglichst wenig polizeilich belästigt werden. Wir baten fernerhin das preußische Kultusministerium und später die entsprechenden Ministerien der anderen deutschen Staaten, die Armenier auch dann auf den Universitäten weiterstudieren zu lassen, wenn dies den russischen Untertanen sonst nicht mehr gestattet würde. Wir haben in beiden Fällen Erfolg gehabt. Eine recht erhebliche Anzahl von russischen Armeniern hat durch unsere Vermittlung Reisepässe für das Ausland erhalten; wir haben sämtliche deutschen Armenier vor der Verbringung in Konzentrationslager bewahren oder, wenn sie dorthin verbracht waren, wieder daraus befreien können. Betreffs des weiteren Besuchs der deutschen Hochschulen durch armenische Studenten hatte das preußische Kultusministerium geantwortet: Eine grundsätzliche Regelung könne zur Zeit noch nicht erfolgen, doch sei das Ministerium bereit, jeden einzelnen ihm vorgelegten Fall zu prüfen und nach Lage der Dinge zu entscheiden. Dabei bestehe zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Kultusministerium Uebereinstimmung darüber, daß gegenüber den russischen Armeniern im allgemeinen ein wohlwollendes Verhalten möglich sein werde. So weit uns bekannt geworden ist, ist kein armenischer Student von einer preußischen Hochschule verwiesen worden, auch bei den nichtpreußischen Instituten fanden wir das gleiche Entgegenkommen mit einziger Ausnahme derer des Königreichs Sachsen, wo alle unsere Bemühungen fruchtlos waren. In einem Falle gelang es aber, einen in Sachsen abgewiesenen Studenten an einer preußischen Hochschule anzubringen.

Wir haben, um das gleich hier mit anzufügen, auch sonst Hilfsarbeit an den im Lande befindlichen Armeniern getan. Verschiedentlich haben wir in Not geratene Armenier mit Geldmitteln unterstützt. Wir haben die Adressen der armenischen Kriegsgefangenen gesammelt und die Zusendung von Liebesgaben durch ihre Volksgenossen in Deutschland und der Schweiz vermittelt: ein Mitglied unserer Gesellschaft, das fließend armenisch spricht, Oberlehrer Sommer aus Uchtenhagen, hatte die Erlaubnis erhalten, die armenischen Kriegsgefangenen zu besuchen und ihnen religiöse Vorträge zu halten, die mit großem Dank aufgenommen wurden. Leider gelang es uns trotz mehrfacher Bemühungen nicht, die Sammlung aller armenischen Kriegsgefangenen in einem bestimmten Lager zu erreichen,1 wie z. B. für die Ukrainer geschehen ist.

Durch die Rechtsverträge zwischen Deutschland und der Türkei, die an die Stelle der Kapitulationen getreten waren, war auch die gegenseitige Auslieferung der militärpflichtigen Untertanen gewährleistet. Die türkischen Armenier hatten mit Recht große Bedenken, sich zum türkischen Militärdienst zu stellen, nachdem fast alle waffenfähigen armenischen Männer meist von ihren türkischen oder kurdischen Kameraden abgeschlachtet worden waren. Wir erhielten auch sichere Kunde von der barbarischen Mißhandlung eines aus Deutschland gekommenen Armeniers, der zur Ableistung seiner militärischen Dienstpflicht nach Konstantinopel gegangen war. Mehrfache Verhandlungen mit den Ressortbehörden, bei denen wir besonders von Herrn Missionsdirektor D. Schreiber unterstützt wurden, führten zu der Lösung, daß die dienstpflichtigen türkischen Armenier sich zum Zivildienst in den deutschen Munitionsfabriken stellten und deswegen von der deutschen Regierung reklamiert wurden. Auch als dies nicht mehr durchgeführt werden konnte, fand sich ein Weg, die Armenier vor den Gefahren des türkischen Kriegsdienstes zu bewahren.

Sehr bald aber traten an unsere Gesellschaft größere politische Aufgaben heran. Schon im November 1914 wurde uns eine Bitte der deutschen Botschaft in Konstantinopel übermittelt, beim Ausbruch des Krieges zwischen Rußland und der Türkei auf die türkischen Armenier dahin einzuwirken, daß sie loyal blieben. Wir glaubten uns dem nicht entziehen zu können. Wir forderten freilich vom Auswärtigen Amt eine Erklärung, daß Deutschland nach Beendigung des Krieges sich für die Wiedereinsetzung des von der Türkei eben für ungültig erklärten Gesetzes über die Reformen in Armenien einsetzen werde. Eine von uns aufgesetzte Zusage wurde von dem Unterstaatssekretär Zimmermann unterschrieben; wir waren nun in der Lage, eins unserer Vorstandsmitglieder, Dr. Liparit Nasariantz, mit dem erwähnten Auftrage und entsprechenden Schreiben an das armenische Patriarchat und den Vorstand der Partei Daschnakzutiun zu entsenden. Die Armenier haben sich denn auch nicht gegen die türkische Regierung aufgelehnt, obwohl sie von Anfang des Krieges an argen Bedrückungen ausgesetzt waren. Wir erhielten darüber von unserem Abgesandten im Februar 1915 einen Bericht; ebenso das Auswärtige Amt. Wir geben aus dem an uns gesandten Bericht die nachstehenden Stellen wieder, die das kommende Unheil schon ahnen lassen:


Die Sorgen der Armenier waren nicht grundlos. Zwei Monate später brach das Unheil herein; die Hoffnungen des Botschafters auf das türkische Anstandsgefühl erwiesen sich als nichtig. Es begann für unsere Gesellschaft eine Zeit der angespannten Arbeit, um das Auswärtige Amt zur Hilfeleistung für die Armenier zu bestimmen. Unser Vorsitzender D. Lepsius war bereits am 11. Juni bereit, nach Konstantinopel zu fahren: unsere Gesellschaft richtete im Verein mit der deutschen Orientmission deswegen ein Schreiben an die deutsche Botschaft in Konstantinopel, das zunächst erfolglos blieb, da die türkische Regierung die Reiseerlaubnis kategorisch verweigerte. Erst im Juli gelang es, die Einreiseerlaubnis zu erhalten: weiter wie Konstantinopel durfte D. Lepsius aber nicht vordringen. Die Frucht der Reise unseres Vorsitzenden war zunächst eine Versammlung aller am Orient interessierten Gesellschaften am 9. Oktober 1915 in Berlin, zu der die deutsch-evangelische Missionshilfe eingeladen hatte und auf der D. Lepsius einen erschütternden Bericht über die Vorkommnisse in der Türkei hielt. Das Ergebnis der Versammlung war eine längere Eingabe an den Kanzler des Deutschen Reiches, die die Unterschrift von 50 namhaften Vertretern der deutschen evangelischen Christenheit, darunter unserer vier Vorstandsmitglieder Lepsius, Rade, Rohrbach und Stier trug. Der Reichskanzler wurde darin gebeten, dahin zu wirken:
Der Reichskanzler erwiderte darauf:
Die vorstehende Antwort wurde der Presse mit dem folgenden vom Auswärtigen Amte gebilligten Zusatz mitgeteilt:
Daß die Bestrebungen des Auswärtigen Amts und der kaiserlichen Botschaft, die Türkei von ihren unsinnigen und verbrecherischen Vorhaben abzuhalten, nicht aufgehört haben, ist ebenso bekannt, wie daß sie ohne Erfolg geblieben sind.

Aus der erwähnten Orientkonferenz entstand als ständige Einrichtung die Deutsche Orient- und Islamkommission als Fortsetzung der Moslem Selection des Continental Comittee. Die Kommission, der unser Vorsitzender D. Lepsius eine Zeitlang angehörte, berief von Zeit zu Zeit eine Orientkonferenz, zu der unsere Gesellschaft ständig geladen wurde und auf der sie fast regelmäßig sich vertreten ließ. Die Konferenz beschloß bei ihrer nächsten Sitzung am 1. März 1916 einen öffentlichen Aufruf zu Gaben für die notleidenden Armenier unter der Ueberschrift: ”Eine außerordentliche einmalige Bitte um Hilfe für unbeschreibliches Elend.” Durch diesen Aufruf, der auch von dem Schriftführer der Gesellschaft Pfarrer Stier unterzeichnet worden war, waren bis zum Mai 1917 40959,81 Mk. eingegangen, die an die im Orient arbeitenden Missionsgesellschaften je nach dem Verhältnis verteilt wurden, in dem sie in der Lage waren, den notleidenden Armeniern Unterstützungen zukommen lassen zu können. Wir haben außerdem selbst Aufrufe für den Notstand versandt, auf den bis heute 5227,50 Mk. eingegangen sind, die wir zum Teil an die Kasse des erwähnten Liebeswerks, zum größeren Teil an das Notstandswerk unseres Vorsitzenden abgeführt haben. Das letztgenannte Werk, das zeitweise bis zu 3000 Waisenkinder und eine Anzahl armenischer Witwen in Urfa unterstützte, hatte bis zum 31. Dezember 1917 eine Einnahme von 249377,95 Mk. Auf Wunsch seines Leiters haben wir die Abrechnung des Werks in unserem letzten Flugblatt veröffentlicht, nachdem der Generalsekretär Einsicht in die Bücher hatte nehmen können.

Die schon seit dem Hamidischen Massakers im Orient bestehenden deutschen Liebeswerke haben, so viel sie konnten, zur Unterstützung der deportierten Armenier getan. Neben dem Werk der deutschen Orientmission in Urfa, dessen Beamte das erst während des Krieges ins Leben gerufene Hilfswerk von D. Lepsius ebenfalls geleitet haben, sind vor allem die Stationen des deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient, das Blindenheim in Malatia und die Anstalten des Kaiserswerter Diakonissenhauses in Aleppo zu nennen. In Aleppo hatten wir den tatkräftigen Förderer des Unterstützungswerks in dem dortigen deutschen Konsul Rößler. Aus den Nachrichten, die wir aus dem Orient erhielten, ging aber hervor, daß es allen den genannten Stellen nur gelegentlich gelang, einzelne Deportationslager zu erreichen, während andere ohne jede Unterstützung blieben. Es war uns darum ein ernstes Anliegen, eine eigene Kommission nach Anatolien zu entsenden, die alle Deportationslager besuchen und in großzügiger Weise die Unterstützung betreiben sollte: Am 2. März 1916 richteten wir deshalb eine Eingabe an den Reichskanzler und baten, für die Entsendung einer aus Aerzten, Krankenschwestern und solchen Herren, die der Landesverhältnisse kundig sind, bestehenden Expedition bei der türkischen Regierung die Reiseerlaubnis zu erwirken. Das Gesuch wurde trotz warmer Befürwortung von deutscher Seite durch die Pforte abgeschlagen. Wieder und wieder haben wir versucht, den angestrebten Zweck zu erreichen. In Verbindung mit der Orient- und Islamkommission, die ihren Vorsitzenden D. Axenfeld und den Direktor des deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient Direktor Schuchardt dafür gleichfalls anbot, haben wir uns erneut an das Auswärtige Amt gewendet, das unser Gesuch bei der Botschaft befürwortete. Diesmal war es die Botschaft, die mit folgender eigentümlicher Begründung ablehnte:


Wir haben uns auch damit nicht zufrieden gegeben. Der Generalsekretär hat sich noch einmal persönlich an Talaat Pascha gewandt und die Einreise nach dem Wilajets Aleppo und Mossul für diesen rein humanitären Zweck nachgesucht. Darauf traf vom türkischen Generalkonsulat in Frankfurt am 24. August die Antwort ein, daß
Eine Anfrage an das deutsche Konsulat in Aleppo bestätigte das Bestehen eines Reiseverbots, ebenso antwortete das Oberkommando der Armeegruppe F, daß auf absehbare Zeit eine Reise nicht gestattet werden kann.

Somit war es uns positiv unmöglich gemacht, den Unglücklichen durch eine eigene Tat zu helfen. Um so mehr haben wir uns verpflichtet gefühlt, auf literarischem Wege für die gerechte Sache der Armenier einzutreten. Wir haben uns dabei nicht auf die spärlichen Flugblätter beschränkt, die wir unseren Mitgliedern bei dem Obwalten der Zensur nur zugehen lassen konnten und in denen wir je länger je weniger offen von unserer Sache sprechen durften: die Zensur verbot uns sogar eine nur mit der Schreibmaschine zu vervielfältigende kurze Darstellung der Vorgänge bei der Deportation, die sich jeden Angriffs auf die Türkei enthielt. Unser Vorsitzender D. Lepsius wagte es unter seiner eigenen Verantwortung einen ausführlichen Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei drucken zu lassen - es gelang das nur unter größten Schwierigkeiten und nachdem zwei Druckereien die Übernahme des Druckes abgelehnt hatten - und ihn an 20000 Adressen in Deutschland unter Umschlag zu versenden, wobei wir ihm nach Kräften behilflich waren. Dieser Bericht, ein Buch von über 300 Seiten, hat vor allem geholfen, die deutschen Kreise von den furchtbaren Vorkommnissen in Armenien zu unterrichten; er ist auch in das Holländische und Französische, letzteres gegen den Willen des Autors, übersetzt worden und ist vielleicht das größte Aktivum auf deutscher Seite in dieser den deutschen Interessen so unendlich schädlichen Sache. Daneben haben wir die ergreifende kürzere Schrift des Oberlehrers Dr. Niepage aus Aleppo, die ursprünglich für die Mitglieder des deutschen Reichstags bestimmt war, ebenfalls verbreiten helfen. Sofort nach Aufhebung der Zensur haben wir begonnen, eine Deutsch-Armenische Korrespondenz herauszugeben, von der bis heute acht Nummern erschienen sind. Wir haben hier in längeren Artikeln das Schicksal Armeniens, die Stellung der deutschen Regierung zur armenischen Frage, die Ursache der Armeniermetzeleien, die Staatsfähigkeit Armeniens, die Wiederherstellung Armeniens und andere Fragen behandelt, die neuesten Nachrichten aus Armenien der Presse übermittelt und zu der Behandlung der armenischen Frage in der Presse Stellung genommen; einer Nummer konnten wir den Offenen Brief unseres Mitglieds Dr. Armin T. Wegner an Wilson beilegen, der großes Aufsehen in der deutschen Presse gemacht hat. Die Korrespondenz ist außer an unsere Mitglieder an eine Reihe Parlamentarier und die wichtigsten Organe der deutschen Presse versandt worden. Soeben erscheint unter dem Titel ”Armenien” ein von unserer Gesellschaft herausgegebenes umfangreiches, mit reichem Bildmaterial ausgestattetes Sammelwerk über Land und Volk unter der Redaktion unseres stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Paul Rohrbach, unter der Presse ist eine Broschüre unseres Vorstandsmitgliedes Professor Dr. Marquart über die Herkunft der Armenier und das große 500 Seiten umfassende Aktenwerk unseres Vorsitzenden D. Lepsius: Deutschland und Armenien 1914 - 1918. Sammlung diplomatischer Aktenstücke, das den gesamten Schriftwechsel des deutschen Auswärtigen Amtes über die armenische Frage mit einer Einleitung des Verfassers enthält. Außerdem sind wir bemüht gewesen, die periodische Presse mit aufklärenden Artikeln zu versorgen, was infolge der Zensur freilich nur in sehr unzureichendem Maße gelang. Wir waren deshalb lange Zeit gezwungen, uns mit der Versendung von aufklärenden Schriften unter Kuvert an bestimmte Adressen zu begnügen. Durch die freundliche Unterstützung von Herrn Missionsdirektor D. Schreiber glückte es, eine von unserem Vorsitzenden verfaßte Widerlegung der von türkischer Seite verbreiteten Sammlung von Photographien, die den behaupteten Aufstand der Armenier aktenmäßig belegen sollten, in größerer Auflage zu verbreiten. Eine Denkschrift Das armenische Problem ist ebenfalls in größerer Auflage hergestellt und versandt worden. Außerdem haben wir mit der Schreibmaschine vervielfältigte längere Aufsätze über die Verschickung des armenischen Volkes, die Lage der verbannten Armenier in Mesopotamien, die Stellung der verschiedenen Regierungen zur armenischen Frage, die Lage im Kaukasus, die ökonomische Bedeutung des Transkaukasus und eine Beleuchtung der Rede Talaats vom 24. September 1917 auf dem Kongreß des Komitees für Einheit und Fortschritt führenden Persönlichkeiten zugehen lassen.

Neben das geschriebene Wort trat die mündliche Rede. So oft sich uns Gelegenheit bot, haben wir in geschlossenem Kreise - anders war es ja nicht möglich - über die Lage der Armenier Bericht erstattet. Erst nach der Revolution konnten wir öffentliche Versammlungen veranstalten. Unser Mitglied Dr. Armin T. Wegner hat in Berlin und Breslau Aufsehen erregende Lichtbildervorträge über die Deportation gehalten, von denen der erstere durch Türken, die sich zu diesem Zwecke eingefunden hatten, zu stören versucht wurde; noch in den letzten Tagen ist am 14. Mai in der Hedwigskirche ein von uns im Einvernehmen mit der Berliner armenischen Gemeinde veranstaltetes feierliches Hochamt für die im Weltkriege ermordeten Armenier durch die hierher berufenen Patres des Wiener Mechitharistenordens abgehalten worden, dem Vertreter der Regierung, auswärtiger Botschaften und eine zahlreiche andächtige Gemeinde beiwohnten.

Unsere literarische und Vortragstätigkeit während des Krieges hatte trotz ihres bescheidenen Umfangs das Aufsehen der türkischen Botschaft erregt, die ja in Deutschland einen ausgebreiteten Erkundungsdienst unterhielt und fast restlos über die deutsche Presse verfügte. Auf ihre Beschwerde hin wurden wir von einer dem Auswärtigem Amt nahestehenden Persönlichkeit ersucht, diese unsere Tätigkeit einzustellen, die angeblich nur Unruhe schaffe ohne den Armeniern auch etwas Positives bringen zu können, und uns bei Entgegenkommen in dieser Sache Unterstützung bei praktischer Liebestätigkeit zugesagt. Es wurde uns die Vermittlung von bedeutenden Geldsummen, wie wir sie bei der Unmöglichkeit öffentlich zu sammeln niemals hätten zusammenbringen können, und die Erwirkung der Reiseerlaubnis für eine von uns zur Unterstützung der Armenier in den Deportationslagern zu entsendende Kommission - beides konnte freilich nachher nicht gehalten werden - und die Erlaubnis zur Anknüpfung von Verbindungen mit den Armenierfreunden im neutralen Auslande zugesagt. Da wir bei den Machtmitteln der Regierung sowieso fürchten mußten, daß unsere Propagandatätigkeit unterbunden werden würde, nahmen wir unter Festhaltung unseres grundsätzlichen Standpunktes das Angebot an. Der Generalsekretär konnte infolgedessen im Oktober 1916, der stellvertretende armenische Vorsitzende im Juni 1917 nach der Schweiz reisen und dort Konferenzen mit den Armeniern in Genf und den Schweizer Komitees für die Armenier in Basel, Genf, Bern und Zürich abhalten. Das Ergebnis dieser Reisen war eine Umfrage bei den deutschen Konsuln nach der Lage der deportierten Armenier, die uns wertvolle Auskünfte brachte, die weitere Belebung der Sammlungen für die Opfer der Deportation in der Schweiz und durch deren Vermittlung in Skandinavien - in Holland hatte unser Vorsitzender bei seinem dortigen längeren Aufenthalt ein Hilfskomitee begründet - und die Verständigung der Schweizer Freunde über die Lage in Deutschland. Das vornehmste Ziel, die Entsendung einer Hilfsexpedition, konnte, wie bereits ausgeführt ist, leider nicht erreicht werden.

Die erwähnte Vereinbarung brachte uns auch die Zusage, auf die deutsche Presse dahin einzuwirken, daß sie keine armenierfeindlichen Artikel mehr bringen sollte. Tatsächlich ist bei den Berliner Pressebesprechungen mit der Oberzensurbehörde unter dem 29. September 1916 der Wunsch ausgesprochen worden, daß die Presse sich in dieser Hinsicht Beschränkungen auferlegen solle, nachdem die deutschen Armenierfreunde auf Vertretung ihres Standpunktes in der Presse verzichtet hätten. Leider hat diese Verfügung keinen Erfolg gehabt, da die türkische Botschaft immer wieder durch die Agence Milli armenierfeindliche Nachrichten bringen ließ und das Auswärtige Amt, obwohl es durch die Botschaft in Konstantinopel über die Unglaubwürdigkeit dieser Berichte informiert war, den Türken die Rücksicht schuldig zu sein glaubte, diese von ihm selbst für unwahr gehaltenen Berichte durch das Wolffsche Bureau verbreiten zu lassen. Auch sonst legten sich die deutschen nationalistischen Zeitungen und Zeitschriften in der Armeniersache, über die es ihnen an der richtigen Information fehlte, keine Reserve auf. Wir haben mehrfach bei den Generalkommandos dagegen Protest erhoben und dabei auch die Unterstützung der Orient- und Islamkommission gefunden. Genützt hat es nichts. Die deutsche Regierung hat sich gerade hier ein wirksames Mittel zum Druck auf die türkische Regierung entwinden lassen, worauf auch die Botschaft sie mehrmals aufmerksam gemacht hat.

Ein neues Tätigkeitsfeld war unserer Gesellschaft eröffnet, als die Türken seit dem Frieden von Brest-Litowsk nach dem Rückzug der Russen die kaukasische Grenze überschritten. Die Agence Milli berichtete sofort von angeblichen Greueltaten armenischer Banden. Wer türkische Ausdrucksweise kennt, mußte fürchten, daß damit ein legitimer Vorwand zu neuen Metzeleien unter den Armeniern geschaffen werden sollte. Wir wandten uns deshalb am 1. März 1918 an den Unterstaatssekretär, gleichzeitig geschah das von unseren Schweizer Freunden. Herr v. d. Bussche-Haddenhausen antwortete unter dem 3. März:


Wie sich nur zu bald zeigen sollte, waren unsere Besorgnisse trotzdem berechtigt. Die Türkei wollte die für sie so günstig gewordene Kriegslage nunmehr auch zur Vernichtung der kaukasischen Armenier benutzen, nachdem sie zwei Drittel der Armenier in der Türkei einem schrecklichen Tode überantwortet hatte. Wir wandten uns deshalb an führende Parlamentarier, zunächst an den Abgeordneten Naumann, und brachten unsere Besorgnisse mehrfach mündlich im Auswärtigen Amte zur Sprache. Dort legte man uns nahe, bei unseren Beziehungen zu den Armeniern diese zu beeinflussen, daß sie von dem für sie aussichtslosen Widerstand gegen Zusicherung der Amnestie Abstand nähmen. Zugleich wurden wir gebeten, auf die Armenier in Genf einzuwirken, die angeblich die Entente zum Eingreifen in Armenien aufgefordert hätten (es war das, wie sich nachher herausstellte, ein Irrtum), daß sie im Interesse der Armenier von solchen Schritten Abstand nähmen. Im Laufe der Verhandlungen richteten wir am 18. März und 3. April Schriftstücke an das Auswärtige Amt, in denen wir uns unter folgenden Bedingungen zur Vermittlung bereit erklärten:
Ende April kam eine Delegation des armenischen Nationalrats innerhalb der kaukasischen Republik nach Berlin, um die deutsche Regierung um ihre Hilfe zu bitten. Wir haben sie beim Auswärtigem Amt eingeführt und ihr mehrfache Rücksprachen mit den maßgebenden Parlamentariern ermöglicht; auf unsere Veranlassung veranstaltete der Abgeordnete Naumann eine Besprechung im Reichstagsgebäude, an der u. a. auch die damaligen Abgeordneten Ebert, Scheidemann, Noske und Südekum teilnahmen. Naumann brachte die armenische Sache am 6. Mai im Reichstagsausschuß zur Sprache, wobei der Unterstaatssekretär die in den Akten verzeichnete Auskunft gab. Unter dem 27. April hatten wir eine Eingabe an den Deutschen Reichstag gerichtet, in der wir u. a. ausführten:
Eine ähnliche Eingabe richteten wir an den Reichskanzler Graf Hertling; unsere Bitte, ein von uns namhaft gemachtes Vorstandsmitglied zu empfangen, wurde nicht berücksichtigt. Diesmal gelang es aber in der Tat, Unheil abzuwehren. Wenn die deutschen Proteste auch die Metzeleien in Olti, Ardahan und Baku nicht verhindern konnten, so ist dem tatkräftigen Eingreifen deutscher Offiziere doch nicht bloß die Rettung einzelner Armenier, sondern die Bewahrung des Restes der armenischen Nation zum großen Teil zu danken. Nach den erfolglosen Verhandlungen in Batum veranlaßte der deutsche Bevollmächtigte General v. Lossow die georgische und die armenische Deputation, ihn nach Berlin zu begleiten. Da kurz darauf nach der georgischen auch die armenische Republik sich als unabhängiges Staatswesen nach dem Zerfall der transkaukasischen Republik konstituierten, waren die Mitglieder der genannten Deputation als Bevollmächtigte eines eigenen Staatswesens in der Lage, die Interessen ihrer Nation noch besser wahrzunehmen, als dies ein privater Verein wie unsere Gesellschaft vermocht hatte. Wir sind in ständiger Fühlung mit der armenischen diplomatischen Vertretung geblieben und haben sie, soweit das gewünscht wurde, gern unterstützt. Wir waren infolgedessen der Pflicht, in politischer Hinsicht für die Armenier einzutreten, enthoben, um so mehr als die Veränderung der Kriegslage das Schwergewicht der politischen Lage nach Paris und London verlegte und Deutschland nicht mehr die Möglichkeit hatte, etwas Entscheidendes für die Armenier zu tun. Es schien uns aber im deutschen Interesse zu liegen, daß die deutsche Oeffentlichkeit, die ja über die armenische Frage gänzlich im Unklaren gelassen worden war, über die wirkliche Stellung der deutschen Regierung aufgeklärt wurde. Wir wandten uns deshalb an den neuernannten Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Dr. Solf am 14. Oktober mit folgendem Telegramm:
Der Staatssekretär hielt damals die Zeit noch nicht für gekommen, der Anregung Folge zu geben. Am 2. Dezember hat er aber dann den Vorsitzenden unserer Gesellschaft, wie erwähnt, mit der Herausgabe der Akten betraut. Dem Wunsche des Auswärtigem Amtes, die Bemühungen privater Kreise für die Armenier der Oeffentlichkeit bekanntzugeben, sind wir durch einen Artikel in der ”Frankfurter Zeitung” vom 21. Januar 1919 4 nachgekommen.

Die politischen Aufgaben unserer Gesellschaft sind vorläufig erledigt. Wir können nunmehr unsere ganze Kraft den kulturellen Zielen zuwenden, die wir von Anfang an vornehmlich erstrebt haben. Wir hoffen, daß die Verbindung, die zwischen unserer Gesellschaft und den Kreisen der armenischen Nation von Anfang an bestanden hat und in der schwersten Zeit des armenischen Volkes nur noch fester geknüpft worden ist, uns die Möglichkeit geben wird, diese Ziele zu erreichen. Was uns bisher noch fehlt, ist die tätige Teilnahme von deutscher Seite in größerem Umfange. Wir hegen die Hoffnung, daß das große Leid, das jetzt über das deutsche Volk gekommen ist, in ihm die Sympathie mit dem in noch größeres Leid versenkten armenischen Volke immer lebendiger werden läßt und ein immer festeres Band sich schlingt um diese beiden vor anderen so arbeitsamen Völker im Occident und Orient, beiden zur Hilfe bei der Wiederaufrichtung aus schwerster Niederlage. Dazu mitzuhelfen soll die künftige vornehmliche Aufgabe unserer Gesellschaft sein.

Bericht über die Generalversammlung.

Die Generalversammlung der Deutsch-Armenischen Gesellschaft am 21. Mai im Hotel Esplanade wurde von dem 1. Vorsitzenden D. Lepsius geleitet. Der Generalsekretär erstattete den vorstehenden Geschäftsbericht und den Kassenbericht. Die Prüfung der Rechnung wurde den Herren Konsul Avedikian und Direktor Iplicjian übertragen. Sodann wurde beschlossen, die Gesellschaft in das Vereinsregister eintragen zu lassen; die deshalb umgearbeiteten Satzungen wurden einstimmig angenommen. Nach erfolgter Eintragung sollen die Satzungen neu gedruckt und mit dem Kassenbericht allen Mitgliedern zugestellt werden. In den geschäftsführenden Ausschuß wurden gewählt bezw. wiedergewählt als 1. Vorsitzender D. Lepsius, als stellvertretende Vorsitzende Dr. Rohrbach und Dr. Greenfield, als Schriftführer Pfarrer Stier und Herr Wahan Zachariantz, als Schatzmeister Herr Direktor Iplicjian, als Beisitzer die Herren Professor Marquart-Berlin, Professor Rade-Marburg, Professor Guthe-Leipzig, Professor Ehrentraut-Dresden, Dr. Armin T. Wegner-Berlin, Oberlehrer Niepage-Malchin, Konsul Avedikian und M. Piranian-Berlin, Tschilinghiryan-Hamburg, Dr. Krischtschjan-München, Gudénian-Leipzig und Frau Dr. Dorth-Berlin. In den Vorstand im Sinne des BGB wurden die Herren Dr. Greenfield, Iplicjian und Stier gewählt. Die geschäftliche Vertretung der Gesellschaft wurde Herrn Iplicjian übertragen. Im Anschluß an die Generalversammlung hielt D. Lepsius einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über seine Erlebnisse in Konstantinopel im Juli-August 1915.


[Stier]


1 Ist jetzt gelungen. Die Armenier sind in Minden konzentriert.
2 Dies ist nicht geschehen.
3 Das Auswärtige Amt lehnte das ab, war schließlich nur bereit, einem von uns namhaft gemachten, in Deutschland lebenden Armenier die Reiseerlaubnis zu besorgen; auch das kam aber infolge der schnellen Entwicklung der Ereignisse nicht zustande.
4Dok. 1919-01-21-DE-001.



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