1916-01-31-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14090
Zentraljournal: 1916-A-04546
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 02/18/1916 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: K. No. 15/No. 285
Zustand: B
Letzte Änderung: 04/22/2012


Der Konsul in Aleppo (Rößler) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



K. No. 15 / No. 285

Aleppo, den 31. Januar 1916

Euer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage Abschrift eines Briefes des Diakons Künzler in Urfa, aus welchem hervorgeht, dass die letzten in Urfa verbliebenen Armenier unter dem Zwange der Verhältnisse den Islam angenommen haben, darunter Dr. Armenak Abuhayatian, Arzt des Hospitals der Deutschen Orientmission, ferner auch die von türkischer Seite in Urfa gesammelten Waisen.

Über die trotzdem erfolgte Verhaftung des Arztes habe ich der Kaiserlichen Botschaft anderweit berichtet. Aus dem Briefe geht hervor, dass er an den Widersetzlichkeiten der Bevölkerung völlig unbeteiligt war.

Zwangsbekehrungen zum Islam sind vor einigen Wochen hier auch von anderer Stelle bekannt geworden. In Cäsarea war der Befehl ergangen, die Armenier nach Siwas zu verschicken. Diese Verschickung bedeutete den Tod. Möglicherweise um sie zu retten, liess der Mutesarrif bekannt werden, wer zum Islam übertrete, werde verschont. Viele traten über. Eine Anzahl protestantischer und katholischer Geistlicher weigerten sich überzutreten. Auf mir nicht bekannt gewordene Weise kam es dahin, dass diese nicht nach Siwas, sondern nach Eregli verschickt wurden, auf welchem Wege die Gefahren geringer waren. Als sie nach mancherlei Fährlichkeiten in Tarsus ankamen, trafen sie dort zufällig Freiherrn von Kress auf seiner Reise mit Djemal Pascha nach Konstantinopel. Er führte sie beim Pascha ein, der ihnen sicheres Geleit nach Aleppo gab und ihnen später teils Damaskus teils Jerusalem als Wohnsitz anwies. Von diesen stammt die Nachricht. Unter ihnen befindet sich der protestantische Prediger Wahram Tahmissian, jetzt in Damaskus.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.


Rößler
Anlage

Abschrift

Urfa, den 17. Januar 1916

Hochgeehrter Herr Konsul!

Sie erwarten wohl mit Recht wieder einige Zeilen von mir über die Vorgänge in unsrem Spital.

Gestern vor 8 Tagen wurde plötzlich unser, sich noch immer in Rekonvaleszenz befindende Arzt von der Polizei abgefasst. Eine Stunde später geschah das gleiche auch mit dem Apothekergehilfen Hosep, jetzt muhammedanisch Jussuf genannt. Als ich sah, dass die Beiden statt von der Polizei zurückzukehren ins Gefängnis geworfen wurden, begab ich mich abends zum Gouverneur, wobei ich nur erfuhr, dass der Verhaftungsbefehl nicht aus Urfa, mutmasslich aus Aleppo stammte. Am folgenden Morgen sandte ich dann das Telegramm an Sie. Im Laufe der Woche erfuhr ich unter der Hand, von wo der schlechte Wind wehte. Wir hatten eine Zeit lang einen mil. Obern hier, G. der jetzt dort weilt, welcher den Befehl gegeben. Ganz Urfa war empört über die Gefangennahme der Beiden, von denen Jedermann bezeugen kann, dass sie bei der Revolution völlig unbeteiligt waren. G. ist eben ein roh durchgehender. Hätte er vielleicht gewusst, dass unser Arzt, jetzt Arif Eff. genannt, inzwischen wie das ganze männliche eingeborene Personal, mohammedanisch geworden ist, hätte er vielleicht den Befehl nicht erlassen. Die Tat übrigens von seiten unseres männlichen Pflegepersonals hat mich sehr betrübt, ich hatte alles aufs beste, mit deren Einverständnis eingefädelt und wären sie als syrische Protestanten eingetragen worden, damit hätten wir dem angeblichen Befehl, wonach kein Armenier mehr in Urfa bleiben dürfe, Genüge geleistet. Hintenherum aber hiess es plötzlich, sie hätten sich als Moslim angemeldet. Charakterstärke ist eine schwache Seite besonders unseres Arztes, der dieser Sache diesen unerwünschten Gang gegeben. Es ist zwar noch nicht ganz gewiss, ob sie angenommen werden von der muhammedanischen Religionsgemeinschaft. Aber wahrscheinlich, denn die Waisen, welche auf Befehl des jetzt dort weilenden, früheren Obersten (Generals) Fakhri ed din Paschas hier gesammelt wurden, sind alle vor kurzem "umgetauft" worden, mitsamt den diversen Hausmüttern.

Ich höre, dass der Arzt bereits verurteilt ist; wie lange die Strafe, weiss ich nicht.


[Jakob Künzler]
[Notiz Rosenberg 24.2.]

Der Kaiserliche Botschafter in Pera hatte bereits vor Eingang dieses Berichts bei der türkischen Regierung Vorstellungen wegen der Zwangsbekehrungen der Armenier erhoben. Halil Bey hat die zwangsweisen Bekehrungen entschieden bestritten. Es ist anzunehmen, dass Graf Metternich, dem der Bericht des Konsul Roessler bekannt ist, falls er den Zeitpunkt für geeignet erachtet, von sich aus erneute Vorstellungen bei der Pforte erheben wird.

Daher zunächst zu den Akten.



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