1917-01-06-DK-001
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Quelle: DK/RA-UM/Gruppeordnede sager 1909-1945. 139. D. 1, ”Tyrkiet - Indre Forhold”. Pakke 2, fra Jan. 1917 – 1. Jan. 1919
Erste Internetveröffentlichung: 2010 August
Edition: Dänische diplomatische Quellen
Telegramm-Abgang: 01/06/1917
Telegramm-Ankunft: 01/25/1917
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: No. 4
Übersetzung: Michael Willadsen
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Gesandte in Konstantinopel (Carl Ellis Wandel) an den Aussenminister (Erik Scavenius)

Bericht



Nr. 4

Konstantinopel d. 6. Januar 1917.

Herr Außenminister,

Die Direktoren der Sicherheitspolizei sowie der politischen Abteilung der osmanischen Staatspolizei, Aziz Bey und Réchad Bey, sind von einer 2½ Monate dauernden Dienstreise nach Konstantinopel zurückgekehrt. Sie hatten sie unternommen, um zu erfahren, in wie hohem Maße es den verbannten osmanischen Arabern, Armeniern, Liberalen, Syrern u.s.w. in der Schweiz und andernorts gelungen ist, Propaganda zu betreiben und Stimmung zu machen für eine allgemeine Verurteilung der radikalen Art und Weise, mit der die hiesige Regierung während des Krieges versucht hat, eine „Türkei für die Türken“ zu schaffen. Wie ich höre, haben sie berichtet, dass überall in Europa die öffentliche Meinung über das jetzige jungtürkische Regime weit schlechter ist, als man es sich hier vorgestellt hatte.

Obwohl der Türkismus und das Verlangen nach Verfolgung im Komitee größer ist als je, scheinen die Berichte dieser Herren im Zusammenhang mit der Furcht, dass die Ententemächte nicht mit Talaat Bey und seinen Kollegen verhandeln wollen, sie zur Besinnung gebracht zu haben. Das Komitee beginnt einzusehen, dass die jungtürkische Regierung rechtzeitig eine gemäßigtere Haltung gegenüber den nicht-türkischen Völkern der Türkei zeigen sollte, denn ich habe mir sagen lassen, dass auf ihrer Versammlung am Dienstag eine ungewöhnlich scharfe Stimmung gegen die bisherige Regierungspolitik geherrscht hatte, und man glaubt, dass Talaat Bey jetzt die Möglichkeit hat, sie nach und nach ein wenig zu ändern.

Man wird kaum von einer wirklichen Mäßigung im Komitee, das aus Ultras besteht, sprechen können, sondern höchstens von der Einsicht, dass es zu gefährlich ist, den Bogen noch weiter zu überspannen, eine Einsicht, mit der Talaat Bey bisher nicht zu rechnen wagte, und es ist möglich, dass er selbst unter der Hand daran gearbeitet hat, sie herbeizuführen, zumal er zweifellos ein so bedeutender Politiker ist, dass die Vermutung naheliegt, dass die Initiative zu den vielen politisch unklugen Beschlüssen der türkischen Regierung während des Krieges vom Komitee kam und nicht von ihm.

Der Vorsitzende der osmanischen Abgeordnetenkammer, Hadji Adil Bey, und der erste stellvertretende Vorsitzende, Hussein Djahid Bey, wollen, sagt mir ein Mitglied des Senates, zu einem Treffen mit ihren bulgarischen, deutschen und österreichisch-ungarischen Kollegen nach Berlin reisen, aber mein Gewährsmann weiß noch nicht, was der Zweck dieses Treffens ist.

Aus zweiter Hand erfuhr ich heute, dass ein Angehöriger der türkischen ad-hoc-Mission, die in Berlin die Verhandlungen um die 4 türkisch-deutschen Verträge geführt hat, und der sich zurzeit in Wien befindet, einem Freund im hiesigen Außenministerium geschrieben hat, dass er nun daran zweifelt, dass Deutschland diese Verträge unterzeichnen wird. Es wird für die türkische Regierung auch schwierig werden, sich in Berlin durchzusetzen, während sie gleichzeitig einen einen neuen Kredit von 40 Millionen Ltq. verlangt.

Die türkischen Beamten beginnen langsam zuzugeben, dass große Teile der Bevölkerung in Kleinasien zurzeit an Not und Elend zugrunde gehen.

So gab neulich ein Sektionschef der Polizei in einem privaten Gespräch zu, das über 50.000 Menschen im Libanon verhungert sind.

Der amerikanische Dampfer „Caesar“, der, wie in meinem früheren Bericht erwähnt, Amerika mit Lebensmitteln zur Bekämpfung der Hungersnot in Syrien verlassen hat, ist in Cadiz angekommen, so dass er in ungefähr einer Woche in Beirut eintreffen wird, und in der hiesigen spanischen Gesandtschaft glaubt man, dass Ihre Majestät der spanische König [Alfonso XIII/13] ebenfalls ein Schiff mit Lebensmitteln entsenden wird.

Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich, Herr Minister, Ihr ergebenster


Wandel



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